Fünfhundet Mark in der Tasche, viel Zeit und Neugier, so trampte ich los aus Berlin – und mitten in Afghanistan war alles Geld weg. Der Tramp zurück war aufregender als hin mit. Dabei bin ich einige Ängste losgeworden.

 

 

 

Wer noch nie einen Esel hat schreien und stöhnen gehört hat, kann sich nicht vorstellen, was diese Tiere arbeiten können. Es sind eben richtige Esel.

 

Einmal habe ich gesehen, wie ein Herr seinem Esel auf sein Geschrei hin Futter gab. Beide haben sich gut verstanden.

 

Die besten Eseltreiber reiten den Esel ohne Stock. Sie schnalzen mit der Zunge und dirigieren das arme Tier mit Liebe. Das trifft den Esel doppelt und den Reiter dazu. Ich begreife, wie Mensch und Tier zusammen arbeiten. So kann ich mir selber helfen.

 

In München begann ich wieder Nietzsche zu lesen. Ein undankbarer Freund.

 

In einem Land, wo es nur wenig zu essen gibt, habe ich mir um das Essen wenig Ge-danken machen müssen. Es kam, wenn es Zeit für mich wurde. In einem Land, wo es viel zu essen gibt, muß ich mir viel Gedanken darum machen. Was ich nicht will.

 

Mir geht es gut.

 

Nach Jugoslawien fuhr ich von Österreich mit einem jugoslawischen Ingenieur, der für IBM in Jugoslawien arbeitete. Er sah aus wie Archer Weaver und war drauf und dran, an seine Aufgaben zu glauben. Wir fuhren durch die schönsten Berge und Täler. An einer Quelle hat er nie gehalten.

 

In Österreich gehe ich auf der Straße - die Berge neben mir an der Straße ragen steil in die Höhe. Die Sonne scheint klar, Heidi ganz nah. Soll ich nach oben, eine Woche dort? Nein, ich will weiter als die Berge reichen. So trampe ich mit dem glattesten Typen, I ever have seen. Seine Sonnenbrille war seinem Gesicht in einem Maße angepaßt, daß ich die Augen schon gar nicht mehr vermisste. Wir fahren bis zum Wörthersee. Mitten zwischen den Menschen dieser urlaubenden Welt lasse ich mich auf dem Steg nieder, ziehe meine schweren Stiefel aus und lasse die Füße über dem Wasser baumeln. Hier läßt es sich gut faulen.

 

Die Yugos nehmen nur ungern Tramper mit. So stehe ich hinter Ljubeljana stundenlang an der Straße und freue mich, wenn einer auch nur abwinkt. Den Platz auf dem ich stehe, habe ich von einem Engländer geerbt, der selber nach einigen Stunden Wartezeit zum Bahnhof ging. Er wollte mit einem Zug nach Istanbul fahren - dorthin, wo ich hin will. Für 50 Mark. Zu teuer.

 

 

Ich bekomme Hunger. Und ich weiß, es ist ein Hunger, der nicht richtig ist. Mit Sicherheit wird genau dann das richtige Auto vorbeifahren, wenn ich esse. Ich esse.

 

Und es passiert: ein französischer Peugeot fährt vorbei, hält beim nächsten Tramper. Sie haben mich nicht einmal gesehen.

 

Lange hält der Wagen fünfzig Meter weiter. Diskussion mit einem Tramper. Ein anderer eilt hinzu, langes Palaver. Einer der beiden löst sich von der Gruppe, kommt zurück, setzt sich zu mir: "Die suchen jemanden mit Führerschein, der einen Peugeot nach Istanbul fahren kann." Ich laufe sehr schnell, erreiche den Peugeot noch. Drei iranische Gesichter schauen mich prüfend an. Keine Gefahr, mein Führerschein gilt.

 

Wir holen einen zweiten 504 aus Isenic. Sie drängen. Wir fahren sofort los. Nach Istanbul. Es wird dunkel, es beginnt zu regnen. Ich kenne den Wagen nicht. Alles geht sehr schnell. Der Fahrer vor mir sieht, daß ich den Anschluß nicht halte, fährt auf den Seitenstreifen, ich hinterher. Er bremst scharf, ich auch. Aber ich komme ins Rutschen und fahre ihm hinten rein.

 

Der Regen wird stärker.

 

Es ist Freitag abend. Bis Montag abend müssen wir in Ljubeljana bleiben, um den Wagen wieder fahrbereit zu bekommen.

 

Am Sonntag sehe ich bei einer jugoslawischen Familie das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. In Farbe. Die Deutschen gewinnen. Großer Ljubel? Na ja.

 

Die Iraner wollen mit ihren Autos im Iran schwer Kohle machen. Sie nehmen den Unfall very, very cool - kein böses Wort. Nur eine Frage: In Ljubeljana hatte ich Zeit, mein zerbrochenes Brillenglas einsetzen zu lassen. Als ich nun mit Brille fahre, fragt mein iranischer Beifahrer, warum ich jetzt mit Brille und... No comment.

 

Mir wird bedeutet, ich solle langsam fahren. Der vordere Wagen fährt mit hoher Geschwindigkeit voraus und wartet nach ein, zwei Stunden auf mich, um dann wieder schnell weiter zu fahren, um dann wieder auf mich zu warten.

 

Jugoslawien, Bulgarien, türkische Grenze.

 

Wer es nicht kennt: Kommst Du in Edirne über die Grenze, beginnt dort der Orient. Mit Düften, Lichtern, Lauten. Du bist woanders. Du bist in einer anderen, alten Welt.

 

Sie sagen: der Iran ist zu heiß für Dich.

 

Da will ich hin.

 

Als wir uns kurz hinter der iranischen Grenze verabschieden, schreibt Ghadez, mein Freund und Beifahrer, auf ein Stück Papier die Sätze, mit denen ich durch den Iran komme.

 

Die ACHT IRANISCHEN HAUPTSÄTZE auf englisch:

 

1. I want a cheap hotel.

 

2. Where is a tea shop?

 

3. I want to buy some food.

 

4. I want to go to...

 

5. I want a chelove Kebab.

 

6. I want to buy a ticket.

 

7. Where is the tourist office?

 

  1. Where is the train station?

    Ich habe den Zettel nie gebraucht, Ghadez, my Friend

 

Zuletzt sind wir drei kräftig gelaufen, damit ich den Bus nach Teheran noch bekomme. Vorher habe ich Gahdez in einer viertelstündigen Lektion das Autofahren beigebracht. Er wollte gern selber nach Ghom fahren. Ich war ein Fremder.

 

Teheran ist ein heiße, häßliche Stadt. Der erste Mensch, mit dem ich dort sprach, war Tom, ein Engländer. He did make 50 Pound. He buyed Traveller Checks for 50 Pound. Next day he selled them in a little village near by Teheran, went to the Teheran-Central-Bureau of the bank and cried: "My traveller checks and my Passeport are stolen. You have to give me new checks." And they have to. Now he has to wait for a new passeport. Not too long. Er kannte Leute, die haben auf einen Schlag 1000,- Dollar in diesem Geschäft gemacht. Nach dieser Geschichte habe ich mir drei Tage lang keine Sorgen um Geld gemacht.

 

Zu viert fahren wir nach Afghanistan. Ein Belgier, ein Schweizer, ein Franzose und ich. Deutsch.

 

Wir fahren Tag und Nacht.

 

Nachts ans Kaspische Meer.

 

Wir sehen nichts, hören nur die leise Brandung.

 

In einem Tea-House in Masshad sitzen wir angedöst und sprechen über nichts. Ein paar Tische weiter unterhalten sich zwei Taubstumme. Sie verziehen die Gesichter, schneiden sich Grimassen und gestikulieren wild und ausdrücklich. Es geht um Tee, einen Spiegel und die Rüpeleien der Jungen. Als das Leben um sie herum zu bunt wird, beginnen Sie plötzlich lauthals zu schimpfen: Sie können sprechen. Und wie. Aber Gesichter ziehen macht viel mehr Spaß, und gleich sind sie wieder drauf. Schaut man genau hin, lassen sie tief blicken. Ich traue mich kaum, möchte nicht stören. Ungeniert fotografiert der Belgier die Szene. Einer der beiden Stummen winkt mir zu. Ich soll kommen. Zögernd stehe ich auf, er kommt mir entgegen, in der Mitte des Raums treffen wir uns. Unauffällig gibt er mir ein kleines Stückchen in die Hand. Shit, denke ich.

 

Der Schweizer mit uns weiß es besser: Opium. „Be careful, davon wirst Du noch öfters bekommen in diesem Land." Wir haben das Piece dann alle zusammen geraucht, dicht vor der Grenze nach Afghanistan. Der Himmel hat nachts dort so viele Sterne, daß man kaum den Himmel sehen kann.

 

(Es war dort, wo der Zaun zwischen den beiden Ländern mehrere Meter hoch ist. Wenn der Wind durch die hohen Stahlstangen streicht, heult der Zaun über das ganze Land - lange, laut, weit.)

 

Ein Grenzzaun.

 

Den Kopf auf der Lehne, den Himmel über uns, rauchen wir. Der Schweizer erzählt eine Geschichte, wie er ohne Geld von Afghanistan nach Hause getrampt ist. "Das geht", sagt er, "hinterher habe ich noch 55 Kilo gewogen. Manchmal bekommt man ein paar Tage nichts zu essen, aber das ist nicht so schlimm." Das möchte ich auch erleben müssen.

 

Die Flagge von Afghanistan zeigt Schwarz, Rot, Grün. Die deutsche Schwarz, Rot, Gold. Afghanistan, ein grünes Land, hoffe ich. Und so hoffen auch die Afghanis. Ihnen fehlt nur ein wenig deutsches Geld, Grün daraus zu machen.

 

Und Du?

 

Better go than hope.

 

An der Grenze von Afghanistan besitze ich 6000 Afghanis, Afs genannt. Ein Af ist fünf Pfennig wert. Ein Brot kostet vier Afs.

 

Ich bin ein reicher Mann in Afghanistan.

 

Für die Fahrt von Teheran nach Kabul habe ich an den Belgier 15 Dollar gezahlt. 750 Afs. Soviel kostet auch der Bus.

 

SUPER-PAYAM-HOTEL

 

Zweibettzimmer. 50 Afs die Nacht.

 

Mit Philipe, dem Franzosen.

 

Ihn kenne ich schon von der türkisch-iranischen Grenze. Unterwegs nach Indien trifft man oft dieselben Menschen. Die Route ist klar, einer ist mal schneller, der andere mal weiter. In Kabul ist große Station.

 

Dauernd zähle ich mein Geld. Wenn ich jetzt zurückfahre, reicht es gerade noch für Bus, Bahn und Spesen. Das will ich nicht.

 

In Herat, dicht hinter der afghanischen Grenze, habe ich beim Geldwechseln meinen Paß auf der Bank of Afghan liegen gelassen. Denn mitten zwischen den Touristen entdecke ich eine hübsche Französin. Geld umtauschen und nach den Frauen schauen, das führt zum Schielen. Ich merke erst am späten Abend, während der einen Tag und eine Nacht dauernden Busfahrt nach Kabul, was los ist mit mir. Mein erster Gedanke: raus aus dem Auto, ohne Paß kommst Du nicht weit. Aber die Bequemlichkeit siegt. Ich fahre mit bis nach Kabul. Das wird Folgen haben.

 

Am nächsten Tag auf der Botschaft telefoniere ich mit der Bank in Herat. Der Paß wird nicht nachgeschickt. Ich muß zurück. 1000 Kilometer mit dem Bus. So habe ich wenigstens etwas zu tun.

 

Meine Kollegen liegen in den Hotelbetten und langweilen sich auf fürchterliche Weise. Das Klima haut sie um, aber warum gerade aufs Hotelbett?

 

Eine Coca Cola kostet 8 Afs.

 

STOP ruft ein Soldat, als ich gedankenverloren an ihm vorübergehe. Ich blicke hoch, grüße mit Kopfnicken und gehe weiter. Thank you.

 

Ein weißes Mädchen fächelt sich in der heißen Luft von Kabul mit einem Fladenbrot frische Luft zu. Jo.

 

Ich will nach Herat trampen, nicht mit dem Bus, meinen Paß holen. Nach langer Wanderung durch die Stadt früh am Morgen setze ich mich in glühender Luft an den Straßenrand und zeige den Autos meinen Daumen. Die Afghanis: Sie lachen mich aus, hoch auf ihren Lastwagen. Ich bin schwach. Ich weiß es, sie sehen es. Am späten Nachmittag nimmt mich ein alter Mann aus der Sonne heraus und führt mich in ein Teehaus, es ist weit vor der Stadt. Ich bekomme Tee wie noch nie. Ein Glas Wasser, einen Löffel, das Glas mit Tee, eine Schale mit Zucker. Ich bin halb von Sinnen vor Durst, doch erst esse ich ein wenig Brot. Der erste Schluck Tee rollt wie ein schweres Element über meine Zunge. Was war Durst? Ein zweiter Tee wird mir angeboten. Ich lehne ab. Mir ist gut. Ein Junge reicht grünes Pulver herum, man wirft es sich unter die Zunge. Haschisch? Ich werde gierig und bestelle einen zweiten Tee in der Hoffnung, das Pulver auch angeboten zu bekommen. Nichts, natürlich. Am Abend muß ich zurück nach Kabul.

 

Der zweite Versuch, nach Herat zu kommen. Jetzt fahre ich mit dem Bus. Ich steh mit der Sonne auf. Auf dem Weg zur Bus-Station gehe ich durch die Stadt. Es ist noch ganz still. Zwei Hunde kommen mir entgegen, spielen und begleiten mich. Ich werde stolz darauf. Daraufhin verliere ich den ersten Hund nach wenigen hundert Metern. Der andere hält zu mir. Ich beobachte ihn, passe auf, daß er mit mir über die Straße kommt, gehe nicht dort, wo es gefährlich für ihn ist.

 

Wir bleiben zusammen, der Hund und ich.

 

Ich fühle, daß ich zu spät zum Bus komme und beeile mich. Der Hund stellt sich mir in den Weg. Ich stolper über ihn, faß das als Warnung auf und gehe wieder langsamer. Aber dann ergreifts mich doch. Um fünf Meter Weg zu sparen, geh ich weiter auf der Straße, nicht auf dem sicheren Bürgersteig, schaue nicht nach links oder rechts, der Hund wird mir egal, will nur noch den Bus erreichen, und der Hund macht nicht mehr mit. Er verschwindet einfach.

 

Und der Bus war natürlich auch schon weg.

 

 

 

I WAS VERY PROUD

 

PROFESSIONAL

 

NOW I AM ILL

 

I CAN?T CANNOT

 

HOLD STILL

 

ISOLATION

 

GO SLOW

 

ANOTHER MEANWHILE

 

CANNOT TOUCH ME

 

SO I AM PROUD

 

I HAVE

 

A LITTLE ONE

 

21 JULI?

 

1 Dollar 56 Afs.

 

1 Mark 22 Afs.

 

Kabul-Herat-Kabul

 

mit dem Bus 400 Afs

 

Blind Magic.

 

20 Stunden im Bus. Das Schwierigste ist das Wachbleiben, weil es so müde macht. Ich wache auf, am frühen Morgen, die Nacht hinter mir. In Herat. Der Busfahrer hat mich einfach liegenlassen, da auf der Bank.

 

In Bewegung easy.

 

Heavy versack ich in jedwede Stimmung, das Ende zu erreichen.

 

Ein Tramper-Traum hat sich erfüllt:

 

Kabul

 

Passeport: away

 

Money: away

 

No work

 

A friend

 

Ich weiß nicht, wer mein Geld jetzt hat. In Herat sagten sie mir: Ihren Paß haben wir nach Kabul geschickt. Mit der Post. Ach so. Sie müssen jetzt nach Kabul, zur Bank of Afghanistan. Ja.

 

So lieg ich auf dem flachen Dach eines Wohnhauses in Herat, dicht am schützenden Schornstein und rauche mit einem anderen, bis mir der Kopf zufällt.

 

Im Bus nach Kabul sind wir nur wenige. Von Beginn an habe ich Angst um mein Leben. Der Fahrer kann nicht fahren. Ich fühle es, sehe es, immer wieder, Kurve für Kurve. Eine Schreckensfahrt, die durch das ausgiebige Rauchen besonders schrecklich wurde. Ob in diesem Zustand oder im Schlaf jemand mein Geld gestohlen hat? Noch einen Tag vorher habe ich es an einen anderen Platz gehängt: bis dahin am Sack, near by den Eiern, neuerdings an der Brust. Ein Fehler.

 

In Kandahar, auf halber Strecke, schlafen alle im Hotel, nur ich nicht. Ich schlafe im Bus, dusche aber morgens heimlich im Hotel - habe ich in der Hast des schlechten Gewissens das Geld in der Dusche hängen gelassen? Es ist weg.

 

Ich begann, den Bettlern, meinen Freunden, kein Geld mehr zu geben. Ich war hart geworden, weil ich mir mit meinen 200 Mark wie ein armer Mann unter den reichen Touristen vorkam. Luxus-Bube, der ich war.

 

Und ich lernte nichts daraus.

 

Noch am nächsten Tag verlor ich nach meiner Rückkehr in Kabul mein Portemonnaie, da war noch ein Vermögen drin, ein 20 Schilling-Schein aus Österreich und ein Fünfmark-Stück.

 

Dann erst begriff ich. Und kehrte um.

 

Die letzten Afs teilte ich wieder mit den Bettlern, wie es sich gehört. Und siehe, am nächsten Tag fand ich mein Portemonnaie in meiner Westentasche - dort wo es immer gewesen war?

 

Ein letzter Akt, meinem Schicksal zu entgehen:

 

ICH ALS UNTERNEHMER.

 

Ich will Geld verdienen.

 

Ich will nicht ohne Geld zurückfahren.

 

Ich will mich nicht von der Botschaft finanzieren lassen.

 

Ich will keine alten Freunde um Hilfe bitten.

 

Ich will es selber schaffen.

 

Erst mal ans Geld ran.

 

Ich gehe zu dem Bus-Unternehmer Kabul-Herat. Wir kennen uns schon von meinen Irrfahrten. Lange dauert es, bis ich ihm begreiflich machen kann, was ich will. In der Nähe von Kabul steht ein See, Kargha-Lake. Ich habe gehört, dort kann man baden und sich zwischen den Bäumen sonnen. Ich habe viele Leute getroffen, die gern in dieser heißen Stadt einmal baden gehen würden. Und Bäume, wo gibts die schon. Also - was kostet es: ein Bus für ca. 30 Leute, morgens zum Karga-Lake, abends wieder zurück? Ein Bus dorthin und so: 300 Afs. Nein, 400 Afs. Nach längerem Handeln doch 300 Afs. Ich rechne. Wenn ich den Bus einigermaßen voll kriege, pro Person 30 Afs - ich könnte über 500 Afs verdienen. Die ganze Geschichte zweimal die Woche - ich wäre saniert.

 

Tomorrow sollte es losgehn sagt der Busunternehmer. Tomorrow? Oha, dann müßte ich heute noch 30 Leute zusammenbekommen, die mit mir fahren. Und der Tag war nicht besonders heiß gewesen. Ein Risiko, aber wenn er sagt tomorrow, dann tomorrow. Ich gehe sofort los. Den ganzen Abend rede ich mit Touristen, Freaks und Einheimischen, so lange, bis ich nicht mehr kann. Jeder, der mit zum Karga Lake will, muß mir Namen und Hotel nennen, damit ich die Übersicht behalte.

 

Morgens ganz früh raus, hin zum Bus-Chef. Er lacht, freut sich, hält alles für eine großartige Idee. Wir trinken Tee, geben uns oft die Hände, und mir wackelt das Herz, hoffentlich klappt?s. Dann fahren wir zusammen mit einigen neugierigen Afghanen zum vereinbarten Treffpunkt. Da stehen sie: acht meiner Kunden, zwei zu wenig, um kostendeckend fahren zu können. Wir warten noch, keiner kommt mehr. Ich zurück zum Chef: "All finished now, not enough money for you and me." Er kann es nicht glauben, schickt mich noch einmal los. Es war doch alles so gut eingefädelt. Aber es ist wirklich finished. Wir sehen uns noch einmal traurig in die Augen, er will kein Geld, geht gleich weg. Ich verabschiede meine treue Kundschaft, bedanke mich, empfehle ihnen den Linienbus mit zweimal Umsteigen für 10 Afs und verschwinde von der Money-Bühne. Später zähle ich zum erstenmal, wieviel Menschen ich am Abend vorher angeworben habe: 13 feste Zusagen. Das war zu wenig, aber mehr war wirklich nicht drin, mein Freund.

 

 

Nun ist alles Geniale

 

erstmal vorbei.

 

Unsicher hänge ich

 

in der Grube.

 

Geld gibt es

 

ohne Katzbuckeln wo?

 

Freiheit überzogen.

 

Mich verkaufen?

 

Arsch auf?

 

Ein Weg nach vorn?

 

Ich bin Anfang.

 

Poor (pur)

 

Ich fürchte die Sonne.

 

Am Rand von Kabul, auf dem Weg zurück. Ohne Geld. Ich warte auf Autos, die mich mitnehmen sollen. Alles ist hell, ich stehe im Schatten. Aber es ist sehr heiß. Richtig gut finde ich diesen Platz selber nicht. Wenn ich mich nicht mag, mögen mich die Autofahrer auch nicht. Was sollen sie auch mit mir. Selber Fahrt machen. Das muß genügen. Fertig.

 

Ich gehe durch das nächste Tor zu einem Haus. Es ist breit und groß. Zwei Männer liegen im Schatten und schlafen. Ich bitte um Wasser. Ich bekomme Wasser und soll mich zu Ihnen setzen. Es ist früher Nachmittag. Sie bringen Weintrauben, mehr als ich essen kann. Danke brauche ich nicht zu sagen. Ich lasse es mir schmecken. Wir freuen uns zusammen. Als ich alles aufgegessen habe, soll ich mich hinlegen. Ich lasse es geschehen, schlafe sofort ein. Kühler Schatten. Nach einigen Stunden werde ich geweckt. Jetzt soll ich gehen. Ich gehe. Auf der Straße hält nach wenigen Minuten ein Lastwagen.

 

Langsam

begreife ich.

 

Kandahar, im Süden Afghanistans ist die schwärzeste Stadt, die ich kenne. Ich komme am Abend an. Kein Geld für Hotel, ich habe immer draußen geschlafen. In der Dämmerung entdecke ich einen Holzverschlag. Ich krieche hinein. Niemand wird mich finden. Ein großes Tier, ein Hund, schleicht rum, aber die Hunde sind frei, beißen nicht. Ein Soldat mit einem herrlichen Schlagstock in der Hand schlendert vorbei, ruft, hält, hört, dreht sich um, guckt durch die Bretter und sieht mich liegen. Ich stehe auf und hoffe, daß ich keine Angst bekomme. In wenigen Augenblicken kann ich ihm klarmachen, was ich will und was ich nicht will. Ich darf nicht. Wir suchen jetzt gemeinsam einen besseren Schlafplatz für mich. Überall schlafen die Menschen auf der Straße. Dann finden wir ein bettähnliches Gestell in einer Seitenstraße. Ich soll mich hinlegen, er will die ganze Nacht Wache halten. Es ist stockdunkel inzwischen. Ein Vorgesetzter kommt. Ich muß mit zur Wache. Und dann - ich bin in Tausendundeiner Nacht - kommen wir in einen spärlich beleuchteten Hof. Eine Gruppe Soldaten steht um eine Empore. Auf der Empore steht ein Bett, ein Tisch, eine helle Lampe, die einzige in der Runde. Ein sehr dicker, eindrucksvoller Offizier mit Vollglatze und vielen Orden hält Audienz. Die Stimmung ist gelockert bis fröhlich. Ich werde nach vorn geschoben und ins Verhör genommen. Nicht unfreundlich. Der Offizier will viel wissen. Ein Soldat übersetzt ins Englische. Sie lachen viel, die Soldaten, der Offizier bleibt Offizier. Zuletzt geht es um die Frage, wie oft ein deutscher Mann in einer Nacht seine Frau fickt. Schwierig zu beantworten, sie sind weit in der Überzahl. Ich sage, das sei nicht das Entscheidende. Der Offizier unterbricht nun. Befehle werden erteilt, ich bekomme eine Leibwache. Zusammen gehen wir in ein Hotel without money. Dort darf ich mich auf den Steinboden legen und schlafen. Morgens bin ich der erste, der geht.

 

Einmal bekomme ich Geld geschenkt.

 

Es brennt in meiner Hand.

 

Ich kann nicht mehr sagen:

 

"No Money!"

 

Ich werde nachdenklich

 

und kaufe mir Brot und Obst.

 

Das hat geschmeckt.

 

An der Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran hat jeder Tourist 100 Afs Gebühren zu bezahlen, wenn er das Land verlassen will. Ich hatte 20 Afs und habe beinahe zwei Tage gebraucht, bis ich genug Geld hatte, das Land zu verlassen. Ohne zu betteln. Reines Theater.

 

Und drüben an der iranischen Grenze will ein Perser unbedingt meine Berliner Adresse haben. Für einen Tee gab ich sie ihm. Er fand den Handel gerecht.

 

Ich lerne laufen in Afghanistan.

 

Nach einem langen Tag erreiche ich ein kleines Dorf. Es wird dunkel. Ich trinke einen Tee, esse ein Brot, wasche meine Füße und gehe durch das Dorf, um irgendwo zu schlafen.

 

Hinter einem Hügel finde ich Platz in der sandigen Erde. Im Einschlafen höre ich Schritte. Zwei Männer im Dunkel. Sie suchen mich, finden mich. Sie fordern mich auf, mit ihnen zu gehen. Ich packe meine Sachen und gehe mit. Sie sagen mir, es sei gefährlich, was ich tue. Es gibt zu viele Halsabschneider. Und mit einer unmißverständlichen Geste zeigen Sie mir, was sie meinen. Vor einem Bazar am Rand des Dorfes weisen sie mir einen Schlafplatz zu. Dort liegen schon einige Männer, andere sind noch wach. Sie begrüßen mich, es ist alles klar.

 

Wieder werde ich aufgeweckt. Der Governor stellt sich vor. Ich soll im Hotel schlafen. Ein Junge hat ihn alarmiert, der mich am Abend noch unbedingt ins Hotel lotsen wollte. Wir hatten uns gestritten. Der Governor wird laut, meine Gastgeber bleiben ruhig. Alle reden mit. Erst, nachdem es auch dem letzten klar ist, daß ich wirklich kein Geld habe, darf ich weiterschlafen.

 

Morgens gibt es erst einmal Tee. Einer wirft mir ein gutes Stück Shit zu. Ein anderer holt die große Wasserpfeife. Der Shit kommt unter die Holzkohle, ich rauche an. Hallo. Zu zweit rauchen wir das ganze Stück. Ich denke, ich werde nicht wieder. Man verabschiedet sich nun von mir. Ich denke, ich mache einen verwirrten Eindruck.

 

Ich gehe los, weiß nicht mehr als die Richtung, bin trotzig und dann schnell allein. Um mich herum nur kahle Berge , eine ausgetrocknete Ebene, Sand und Steine. Und die Straße leer.

 

Die Sonne steigt höher, jetzt gehts auf den Punkt. Autos fahren vorbei. Keiner hält. Winken mag ich nicht. Entweder ich gehe oder ich winke. Ich gehe.

 

Stunden, stundenlang.

 

Gehe, bis ich klar komme.

 

Ich bin immer noch irre vom Shit.

 

Kanns gar nicht fassen.

 

Die Sonne ist stark.

 

Gehen ist besser als stehen.

 

Nicht passiert.

 

Langsam werde ich schwach.

 

Die Hitze gibts mir.

 

Ich gehe nach ganz unten, hole neue Kräfte.

 

Da war ich lange nicht. Oft noch nie.

 

Und die Wüste ist ganz still.

 

Ich weine und schreie. Das tut gut. Hinterher fühle ich mich wieder.

 

Ich werde klarer. Und kann nicht mehr.

 

Am Horizont sehe ich Farben. Menschen.

 

Bald habe ich sie erreicht. Ich will vorbeigehen, grüße.

 

Sie fordern mich auf, mich hinzusetzten. So sehe ich aus.

 

Ich setze mich.

 

Sie fragen mich aus. Woher, wohin und lachen. Sie glauben, ich will zu Fuß nach Europa.

 

Ich kann kaum reden. Den nächsten Bus halten die beiden an, sprechen mit dem Fahrer. Ich soll einsteigen. "No money!“ Steig ein.

 

Drinnen gehe ich auf, bekomme zu essen. Ich spreche, zeige, freue mich. Ganz einfach. Wieder mal gerettet.

 

Wir halten an einem Marktplatz. Endstation.

 

Ich stakse aus dem Bus, hin zur Straße. Ein Fluß, mehr als 20 Meter breit, mitten in der Wüste. Ich muß baden. Ich komme an einer Öffnung des Ufers vorbei. Hier leiten sie das Wasser für die Felder ab. Kinder toben in einem Seitenbecken. Sie sehen mich, kommen raus, beobachten mich, lachen. Ich soll baden. Im Becken, jetzt gleich. Plötzlich sind sie alle verschwunden.

 

Ich bin ganz allein. Ich ziehe mich aus, steige in das Becken, durch das das Flußwasser strömt, schwimme auf der Stelle, wälze mich hin und her wie ein Riesenwal, tauche, stoße mich ab vom Grund, pruste. Das geht nie zu Ende.

 

Nach langer Zeit steige ich aus dem Wasser, ganz neu. Ich ziehe mich an und bleibe noch ein bißchen. Ich stopfe meine Hose am Knie, die Kinder kommen zurück, klauen mir Nähzeug, meine Füße baden im Wasser.

 

Und als ich weitergehe, treffe ich an der Straße zwei traurige Franzosen an ihrem zerbrochenen R4. Bin ich froh, daß ich kein Auto habe.

 

Ich komme in Fahrt.

 

Es geht schnell im Iran. Kurz nach der Grenze hält ein VW mit jungen Italienern. Es ist kaum Platz für drei. Ich bin der vierte.

 

Die ganze Fahrt bis Masshad lärmt der Radio-Recorder. Zerfetzte italienische Beat-Musik und die Bee Gees natürlich. Ich fühle mich gleich zu Hause. Was habe ich falsch gemacht?

 

Als ich bei Messhad betäubt aus ihrem Wagen steige, komme ich nicht mal zum Pinkeln. Ein Lastwagen hält. Sie wollen mich an die richtige Ausfahrt bringen. Danke.

 

Die Sonne steht schon tief. Nach wenigen Kilometern steige ich aus. Ein kurzes Palaver mit ein paar neugierigen Persern, da hupt schon wieder einer. Ich soll mit. Drei Jungs mit ihrer Freundin. Wir lachen, ein kurzes Stück, ich muß wieder raus.

 

Dann ein freundlicher alter Herr. Nur fünfzig Kilometer und er schenkt mir ein Stück Morphium. Ich hebe es mir auf.

 

Es wird dunkel, aber es geht weiter.

 

Es hält: Ein Krankenwagen, ein altes amerikanisches Modell mit einem Bullenmotor. Er fährt stur 120, der beste Fahrer den ich je hatte. Nach dreihundert Kilometern muß ich raus. Wir haben drei Worte miteinander gesprochen, und er hat mir ein Abendbrot ausgegeben.

 

Es ist schon spät in der Nacht. Wir halten an einer Grünfläche vor einer Stadt. Auf dem beleuchteten Rasen liegen Menschen, schlafen neben ihren Autos und der Himmel über mir.

 

Am nächsten Tag bin ich abends schon in Teheran. Ein Lift only. 100 Rials für ein Hotelbett. Fünfmal so viel wie in Kabul. Ich habe nichts. Ein Fixer schenkt mir nach dem ersten Ansehen sein ganzes Brot. Dazu noch fünf Rials für Käse. Von mir bekommt er das Stück Morphium. In Teheran suche ich einen Schlafplatz. Irgendwo auf der Straße oder in einem Verschlag. Überall schleichen Typen herum, Teheraner.

 

Sie sprechen mit mir, wollen irgendetwas, wissen noch nicht was, warten auf die Gelegenheit. Der jüngste von ihnen ist vielleicht zwölf. Es ist 11 Uhr nachts. Die Hotels machen zu, mit schweren Ketten an eisernen Türen. Ich klettere auf das flache Dach eines weißen Transits. Will dort schlafen. Ein Junge steigt mir nach. Sein Blick ist starr, er sieht mich an, sucht seine Chance. Ich schrei ihn an, bis er wieder runtersteigt. Noch lange geistert er um den Wagen. Ich fühl mich sicher.

 

Ich verkaufe mein Feuerzeug an ihn. Für 15 Rials. Noch vor meinen Augen verkauft er es weiter an den nächsten. Für 50 Rials.

 

Ein Triumph: der Übergang an der Iranischen Grenze zur Türkei.

 

Das letzte Auto vor der Grenze. Der Fahrer schielt sehr. Er fährt schnell. Wir sind zu dritt. Jetzt sehe ich auf dem Berg schon die Grenzstation. Da fährt der Wagen nach rechts auf den steilen Abhang zu. Mit den rechten Rädern ist er schon im Sand, jetzt erst begreife ich, schreie „Ho!“. Der Fahrer wacht auf, reißt den Wagen zurück, wir schleudern auf die andere Straßenseite, hin und her, dann hat er ihn wieder in der Gewalt. Wir halten an, der Fahrer wischt sich die Augen. Ich bin ganz ruhig.

 

Die Grenzformalitäten dauern nicht lang, bald bin ich in der Türkei. Schon beinahe in Europa. Ich habe was geschafft. Ich laufe noch ein paar Kilometer, ein Wagen hält neben mir, ohne daß ich winke. Der Fahrer grinst, ich steige ein. Zwei Kinder sitzen auf der Rückbank. Die Windschutzscheibe fehlt. Eine wilde Fahrt über die zerfressene Landstraße beginnt. Der Fahrer will alles. Eine Prüfung. Wir sprechen miteinander, da taucht aus dem Gebüsch ein großer weißer Hund auf, will noch vor dem Auto die Straße überqueren, der Fahrer gibt ein bißchen Gas, es kracht und poltert erst vorn, dann unter dem Auto. Ich bekomme einen Spritzer ins Gesicht, dreh mich um: in schauerlichen Verrenkungen wälzt sich der Hund von der Straße, heult noch einmal auf, und dann ist alles still. Wir halten, der Türke steigt aus, wischt mit einem Lappen sorgfältig den Kühlergrill sauber, schließt noch einmal ausdrücklich den Kofferraumdeckel und lacht mich entschuldigend an. Die Fahrt geht weiter. Ein wenig schneller noch. Steine fliegen mir ins Gesicht. Die Kinder sind ganz still.

 

Vier Tage später beginnt ein Krieg zwischen der Türkei und dem Griechenland um Zypern.

 

Eine Reise durch die Türkei.

 

Vom Iran aus.

 

Tabriz.

 

Marand.

 

Maku.

 

Border Turkey: Bazargan.

 

Agri.

 

Horosan.

 

Erzurum.

 

Erzincan.

 

Sivas - ja wenn ich erst mal in Sivas bin.

 

Yozgat.

 

Kirikale.

 

Ankara. Noch 500 Kilometer nach Istanbul.

 

Pazar.

 

Gerede.

 

Bolu.

 

Adapzari.

 

Izmit.

 

Istanbul. Europa.

 

 

Und so bin ich gefahren. Habe fahren lassen.

 

Ich wache auf.

 

Mitten in der Türkei.

 

1.000 Kilometer bis Instanbul.

 

Ich fühle mich nicht gut, packe meine Sachen zusammen und geh los.

 

Immer ein wenig zu schnell. Ich strenge mich an. Autos fahren vorbei. Niemand hält. Es wird heiß, ich fürchte mich vor der Müdigkeit. Ich denke, ich werde müde. Ein Trecker hält. Mit zwanzig Sachen durch die Berge, ganz dicht am Stein; ein Bauer, der mich versteht. Die Täler sind fruchtbar, ich muß wieder laufen. Ich bekomme Durst, trinke nicht. Ich halte aus. Ich will es aushalten. Die Tasche an meiner Seite wird so schwer wie meine ganze Plage. Ein Wagen hält. Ich bin froh und rede auf den nächsten fünfzig Kilometern mehr, als gut ist. Hinterher ist mir richtig schlecht, und meine Hände riechen noch lange nach Kölnisch Wasser, mit dem wir unsere Gesichter und Hände waschen.

 

Ich muß viel laufen. Wenn ich ohne wichtigen Grund stehenbleibe, komme ich aus dem Rhythmus. Das will ich nicht mehr, denn der Anfang ist schwer. Am Anfang kann ich nicht sehen, nicht hören, egal wo ich bin. Wie sinnlos fühle ich mich. Vorwärts, nur vorwärts. Ein Kleinbus hält. "No money for you!" ruf ich. Das ändert nichts, ich soll einsteigen. Ich stolper über eine Kiste mit Früchten und Gemüse, steige über Knie, laß mich in den Sitz fallen und blicke in Augen, die mich neugierig mustern. Bauern. Sie starren mich an, ich fühl mich gezwungen zu erklären: "Aleman, from Kabul, Afghanistan, to Iran. Hallo." Sie sind ein wenig zufrieden. Immer wieder werde ich mit Blicken geprüft. Kein Lachen, keine Geste, nur der Fahrer freut sich. Wir fahren in ein Dorf, abseits der Hauptstraße. Sie steigen alle aus, ich auch, nach einigem Zögern. Der Kaufmann bekommt einen großen Sack voll Brot mitgebracht, ich mache große Augen, aber es wirkt nicht, niemand achtet auf mich. Ich werde wieder zur Straße gefahren, muß laufen. Und ich laufe, laufe, und keiner von diesen Türken hält. Einsam bin ich, weil ich Schmerzen habe.

 

Türkische Kinder werfen Steine nach mir. Ich drehe mich um. Keiner will es gewesen sein. Jeder zeigt auf den anderen. Ich gehe weiter, drehe mich wieder um. Einige haben schon die nächsten Steine in der Hand. Ich schrei sie an: "Turkey?“ Sie nicken. Ich zeig auf die Steine in ihren Händen: "Turkey, Turkey!“ und lache über ihr Versteckspiel. Einige werfen die Steine weg, die letzten kriege ich doch noch zwischen die Beine. “Turkey!“

 

Ein Dorf.

 

Kein Zeichen,

 

kein Halten.

 

Es ist sehr heiß.

 

Wieder ein Dorf,

 

wieder kein Zeichen.

 

Ich will angestrengt, abschreckend.

 

Dann brichts heraus.

 

Ich schreie. Würge.

 

Will dieses Schicksal nicht, nicht so,

 

will ein anderes, besseres.

 

Aus einer Hütte am Fluß

 

treten zwei Bauern

 

und blicken mich stumm an.

 

Sie alle wissen Bescheid

 

und können nichts tun.

 

Im nächsten Dorf werde ich halt machen.

 

Ich bin ein Mensch.

 

Hoffentlich ein Zeichen.

 

Kein Zeichen.

 

Ich halte am Brunnen. Völlig erschöpft.

 

Eine Frau wendet sich ab, niemand sonst

 

läßt sich sehen.

 

Ich möchte etwas essen,

 

bringe einen Laut wie "hungry" hervor

 

und weiß doch, es stimmt noch nicht.

 

Ich bin nur schwach

 

und suche.

 

Ich kann kaum noch stehen.

 

Ich fülle frisches Wasser in die Wasserflasche.

 

Ein Mann, ein Türke kommt zu mir,

 

spricht mit mir, ihn befriedigt mein Zustand.

 

Ich setzte mich an den Straßenrand auf meine Tasche.

 

Ein Junge kommt.

 

Wir reden in einer fremden Sprache,

 

die wir beide verstehen.

 

Bald hat er genug, ich muß weiter.

 

Langsam stehe ich auf,

 

gehe einen Schritt,

 

dann zwei,

 

wieder muß ich laufen

 

lernen.

 

Wie lange noch?

 

Autos fahren vorbei,

 

nicht für mich.

 

Ich habe aufgegeben

 

zu winken.

 

Jeder kann sehen.

 

Jetzt - ein weißer Ford-Transit. An mir vorbei, bremst ganz fern - ich winke schnell und beginne zu laufen. Es geht doch, ich brauche nur ein wenig Liebe. "Where do you go?" Ich kann niemanden sehen, höre nur Stimmen, antworte "Ankara first, than Istanbul." - "We go West!" Eine Tür wird aufgeschlossen, ich steig hinten ein. Kissen, Decken und ein riesiges Bett. Ich sinke hinein.

 

Jetzt fahre ich mit, mindestens bis Ankara, vielleicht bis Istanbul. Nur nicht nachdenken.

 

Ich konnte mir nicht verzeihen, daß ich so schamlos schnell gewunken hatte.

 

Die Engländer im Transit sind sehr arm. Jede Zigarette ließen sie wie einen kostbaren Joint herumgehen. Sauber. Ich konnte wieder anfangen zu rauchen. Danach habe ich es mir wieder abgewöhnt. Jetzt rauche ich wieder.

 

Ich hatte überhaupt kein Geld.

 

Ich habe Zigarettenpapier und eine Pfeife gespendet. Die Freude war groß. Bis Istanbul.

 

Abends haben wir alle wenig gegessen. Die drei Engländer, Jo, der Tramper und ich. Wir wollen Zutaten für das Abendbrot einkaufen. Mehr als zwei Stunden fahren die Engländer herum, überall ist es Ihnen zu teuer. In der Türkei ist alles sehr billig. Ich werde schon kurz angebunden. Und sie finden, was sie suchen. Das Essen schmeckt dann wie eine Erlösung. Mann.

 

Wir halten mit Jo und den Engländern auf einem weiten Feld und machen Abendbrot. Zwei Türken kommen näher, schauen durchs Fenster und sprechen über uns. Jo der Holländer bleibt mit ihnen auf Tuchfühlung. Sie wundern sich. Einer der Türken zeigt auf Jos schulterlanges Haare und fährt demonstrativ über seinen Stoppelkopf.

 

Jo nickt.

 

Istanbul.

 

HOTEL UTOPIA

 

7 LIRA FOR ONE NIGHT.

 

CAUSE WE ARE FRIENDS.

 

Jo bekommt 50 Lira geschenkt.

 

Ich 10.

 

Wir teilen.

 

Wenn ich will.

 

An der Grenze nach Griechenland bekomme ich seit langem wieder richtig zu essen.

 

Nachmittags eine riesige große grüne Melone, die ich vollständig aufesse.

 

Und abends ein Mahl im Restaurant.

 

Schwer und ölig und gut.

 

Das war zu viel.

 

Am nächsten Tag bekomme ich Dünnschiß.

 

Liege am Rande eines leeren Strandes und leide einen langen Tag.

 

Geschwächt, gereinigt und dankbar für mein Wohlergehen stelle ich mich wieder an die Straße und muß lange warten.

 

Zu meinen Füßen sehe ich Stroh liegen. In einer Farbenpracht, wie ich sie mir bis zu diesem Moment noch nicht einmal wünschen konnte.

 

Die Türken haben Panzer aufgefahren und spielen Versteck mit den Griechen. Aber die sind nicht ganz so geil.

 

Ein Türke: „Do you know, that probably the Third World War will begin, when we fight for our rights on Cypris?“

 

No.

 

Ein Grieche:“We will fuck the Turkeys!“

 

Yes.

 

Die Griechen nehmen nur ungern Tramper mit. Für die ersten 100 Kilometer nach Tessaloniki brauche ich zwei Tage. So ein ordentliches Volk. Besonders die Jugendlichen wissen überhaupt nicht, was läuft.

 

Erst als ich mit Soldaten zusammenkomme, geht es weiter. Sie stehen neben mir an der Landstraße und halten Lastwagen an. Ich darf mit.

 

Die letzten 200 Kilometer in einem geschlossen Kastenwagen. Wie in einer Keksdose.

 

 

 

Zweimal wird gehalten.

 

Einmal zum Pinkeln.

 

Einmal zum Melonenessen.

 

Die Sonne scheint mild in Griechenland.

 

Ich schlafe auf dem Bahnhof von Tessaloniki. Zusammen mit vierzig Trampern und anderen. Nachts werde ich geweckt. Jo ist da. Das ist gut. Wir verabreden uns für den nächsten Tag zum Blutspenden. Die sollen 15 Dollar zahlen.

 

Sie zahlen nur die Hälfte, die Halsabschneider. Aber ich wills machen. Ich will Geld sehen. Ich warte auf die Schwester, da sagt Jo: "Ich weiß gar nicht, warum wir hier sitzen. In Istanbul hat mir einer 100 Mark geliehen. Wenn Du willst, kannst Du die Hälfte haben."

 

Ich will.

 

Wir gehen erst einmal essen.

 

Ich bin ganz schwach.

 

Brötchen mit Butter und Honig auf dem Teller.

 

Heiße Milch mit Honig!!

 

Dann Joghurt!

 

Das kann man sich nicht vorstellen.

 

Mein kostbares Blut ist gerettet.

 

Im Bahnhof von Tessaloniki sprechen Griechen mit mir. Ich hätte eine Chance, ohne Geld durch Jugoslawien zu kommen. Mit der Eisenbahn. Wo doch die Yugos keine Tramper mitnehmen.

 

Ich frag alle aus. In zwei Tagen könnten wir in Ljubeljana sein, und von dort ist es nicht mehr weit nach München. Deutschland.

 

Jo und ich fahren zusammen im Zug. Erst mal bis zur jugoslawischen Grenze. Schwarz. Keine Fahrkartenkontrolle bis dahin, wie die Griechen es gesagt hatten. Mit der Paßkontrolle haben wir keine Schwierigkeiten.

 

Der Zug ist gerammelt voll. Menschen stehen auf den Gängen. Ein gutes Zeichen für uns. Jetzt bleiben wir so lange drin, wie es geht. Die erste Fahrkartenkontrolle. Ich war gar nicht mehr drauf gefaßt. Plötzlich stehe ich vor dem Schaffner, bekomme einen Stoß von hinten, gebe nach und fliege an dem Schaffner vorbei. Der sieht mich gar nicht.

 

In der Nacht wird nicht kontrolliert. Ich schlafe mit einem anderen zwischen zwei Wagen auf der eisernen Plattform, nicht zu bequem. Um fünf Uhr morgens schrecke ich hoch: "Fahrkarten bitte!"

 

Der Zug ist sehr laut zwischen den Waggons, direkt unter uns die Gleise. Der Schaffner schließt erst mal die Tür zwischen uns. Ich gehe schnell auf die Toilette, schließe nicht ab. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, ich fahre bis Beograd, Jugoslawien ist halb geschafft.

 

Und auch die nächste Kontrolle hinter Beograd überstehe ich heil. Jo wird erwischt. "No money, no ticket". Kopfschüttelnd geht der Schaffner weiter.

 

Nach 30 Stunden Ljubeljana. Ich bleibe im Zug.

 

Dann die österreichische Grenze. Keine Schwierigkeit. Ich bin nur noch müde, jeder Nerv spielt mit meinem Leben. Ich lege mich schlafen.

 

Dann der Ruf: "Der Schaffner kommt!" Noch im Schlaf springe ich auf, gehe auf den Gang und nach vorn. Der Zug hält. Ich steige aus, will hinter dem Schaffner wieder einsteigen. Eine zweite Tür fällt ins Schloß. Auf freier Strecke stehen wir uns gegenüber, der Schaffner und ich.

 

Wir sehen uns an. Ich geh an ihm vorbei, will hinten einsteigen. Er sagt: "Da vorn hams geschlafn." "Ah, richtig, dankeschön, hab schon gesucht." Ich bleibe höflich. Er folgt mir zum Abteil, ich setze mich.

 

"Fahrkartn bittä!"

 

Ich bin gemeint.

 

Ich tue, als ob ich suchen würde.

 

"Ja, wo sind sie denn, eben waren sie doch noch in der Jacke." Ein langes Spiel und die Lüge tut mir weh.

 

 

Es ist schon alles vorbei, er weiß Bescheid:

 

"I glob, daß Sie geascht ham."

 

Ich höre Asch, ich?

 

"Das glaub ich nicht," sage ich,

 

dann verstehe ich und nicke gleichzeitig.

 

"Meinetwegn, foans halt mit."

 

sagt er, schließt die Tür und geht weiter.

 

Ich zittere.

 

Heut will ich keinen Scheiß mehr machen.

 

Beim nächsten Halt steige ich aus.

 

Noch mal Schwein gehabt.

 

Morgens wache ich auf einer Wiese direkt vor dem Tauerntunnel auf.

 

Ich trampe in Richtung München.

 

Von München nach Berlin nimmt mich ein Jugoslawe mit.

 

Ich stehe an der Autobahnraststätte, ganz müde. Zwei Tramper sagen mir Bescheid. Ich hin zum Fahrer und frage, ob er mich mitnimmt, nach Berlin. Er sagt gleich ja. Er war auch so müde. In Berlin will er mir noch Geld geben, weil ich ihn nach Kreuzberg gelotst habe. Ich habe nur gelacht und bin erst mal zu Eddie gefahren.