KOMM MAL KURZ MIT NACH LISSABON

 

 

Drei Tage und Nächte in Portugals Hauptstadt.

 

 

 

Es sollte ein ganz kleiner Urlaub werden. Ein Geschenk der Familie an den alten Vater, Vetter, und Onkel zum Geburtstag. Aber gerne. Drei Tage Lissabon - ist alles bezahlt und gebucht. Was für ein Service.

 

Freust du dich schon? war die allgemeine Frage. Nun gut, seit Jahrzehnten der erste Urlaub, den ich alleine machen würde. Etwas Beklommenheit machte sich breit.

 

Dazu musst Du wissen, dass ich in schöner Landschaft wohne und es gut zuhause habe. Da ist ein Urlaub natürlich immer eine Gefahr für das ausgeglichene Leben. Aber ich hatte schon Schlimmeres erlebt.

 

Losgehen sollte es erst abends per Flugzeug. Auf der Fahrt zum Flughafen, im düsteren Regen, irritierte mich ein mulmiges Gefühl – eines, das mich auf dieser Reise noch oft begleiten sollte. Irgendetwas stimmte nicht. Ich bin zweifelsohne gern und meist bei mir, eigentlich recht stabil. Aber nicht hier und nicht jetzt und nicht im Regen auf der Autobahn.

 

Ich parkte mein Auto weit weg vom Flughafen an einem U-Bahnhof, ganz unauffällig und dann weiter mit der U-Bahn direkt zum Flughafen. Noch immer fühlte ich mich leicht mulmig und so beurteilte ich die Menschen in der U-Bahn entsprechend negativ. Unfassbar, wie man von sich auf andere schließt. Aber isso. Geht es dir schlecht, wirst Du schlecht, und die anderen sind es sowieso.

 

Auf dem Flughafen wurde es nicht besser Und schon garnicht auf diesem, mit modernster aggressiver Technik, die alles gibt, nur nicht die Gelassenheit, die ich anscheinend ersatzlos zuhause gelassen hatte

 

 

Ich hoffe, du weißt nicht, wie es ist, wenn man sich heutzutage in ein Flugzeug setzen will. Check In, Check Ausweis, wieder Check In, wieder Check Ausweis, nochmal Check Ausweis. Und das alles komplettiert von Gepäckkontrolle, Sackkontrolle und Körperscan. Nicht berücksichtigt hatte ich die Brisanz von Rasierwasser und Rasierschaum – alles verboten, ab in die Tonne. Das nächstemal fahr ich mit dem Auto

 

Bustransfer auf dem Flugfeld war nicht. Zu Fuß geht es zm Flieger. Ryanair und ich sparen wo sie können. Die Sitze eng an eng an eng an eng. Und dann setzte ich mich auch noch auf den falschen Platz. Völlig idiotisch, denn dann hätte ich die Frau dieses Fluglebens nicht vor mir gehabt sondern neben mir. Nun gut, ich blickte hin, sie blickte zurück, wir sahen uns an, ich hob die Augenbrauen, sie hob die Augenbrauen – und schon haben wir uns erkannt. Sie lächelte, ich lächelte, wir reden über Kameras, Berufe, Ziele, Arbeit, Ehen, Kinder. Ich beneidete ihren Sitznachbarn, der ihr seine Schulter lieh für ein ausgiebiges Schläfchen. Wir verabreden uns zur gemeinsamen Fahrt in die Stadt Lissabon

 

Nach vier Stunden dann die Landung und wieder durch einen Flughafen. Der begrüßte mich mit Tausenden ausgespuckter und plattgetretener Kaugummis. Und die ganze Zeit unterhielten wir uns angeregt und bester Laune. Hinweg war mein mulmiges Gefühl. Zusammen fuhren wir mit dem Taxi durch das moderne Lissabon ins alte Lissabon. Ich bekam ihre Karte, ich weiß jetzt, wo sie wohnt, wo sie arbeitet, wann sie arbeitet. Und dass ich sie ganz toll fand. Irgendwann sagte sie mir Ähnliches, aber wer weiß?

 

Dann ging es weiter zu meinem Hostel, mitten durch ein unglaubliches Straßengewirr, in dessen engen Gassen gerade mal anderthalb Autos nebeneinander passen.

 

Nur alte Häuser, uralte Eingänge, steile Treppen. Hier sind wir, sagte der Taxifahrer, knöpfte mir nochmal richtig Geld ab und ich steige den steilen Weg hoch zu dem versteckten Eingang meines Hostels.

 

Die Klingel ist eine Glocke, die Tür wurde geöffnet und ich stand vor einem kleinen Innenhof mit gemütlichen Tischen, kein Mensch zu sehen. Denn inzwischen war Mitternacht. Aber doch, ich wurde begrüßt und mir wurde eröffnet, das nichts bezahlt war, ich sollte mal gleich das Geld hinlegen. Nun gut das verschob ich auf den nächsten Tag und so wurde ich in mein Zimmer geführt. Zuerst eine steile Holztreppe hoch, auf eine kleine Terrasse, dann durch ein geöffnetes Fenster, eine Wendeltreppe hoch, die so eng, so steil war dass ich mich entscheiden musste ob ich oder mein Rucksack nach oben sollte. Weiter nun links, rechts, links, Tür auf: Mein Zimmer. Wohl zwölf Quadratmeter klein, ein Bett, kein Stuhl, ein alter Gasofen als Ablage und eine Vorrichtung auf der man seine Bügel hängen konnte. Für einen Tisch und Schrank fehlte der Platz, aber ein Spiegel und ein Kleintresor waren dabei. So sieht eben ein richtiges Hostel aus. Für wenig Geld hat man den Komfort eines guten Gefängniszelle. Aber man weiß sich in guten Händen und bescheissen wird dich auch keiner. Ich fiel nur noch ins Bett.

 

 

Geweckt wurd ich von dem Runpeln und Qietschen einer vorbeifahrenden Staßenbahn, Ich öffnete das Fenster zu dem kleinen Balkon, und unter mir offenbart sich ein ein Gewirr von vielen tausend Dächern und Sträßchen, und da in der Ferne, der riesige Fluss Tejo, dominiert von einem Kreuzfahrer, mit dem Tausende von Reisenden von Hafen zu Hafen bugsiert werden. (Das Eigenartige an diesen Monstern sind ja die vielen hundert Balkons, vor jedem Kabine einer, der den Passagieren einen Blick über die Stadt und die unendliche See erlauben.

 

Frühstück unten im Gemeinschaftsraum. Drei, vier mir fremde Menschen mit denen ich gar nicht ins Gespräch kommen wollte, ein zwei Tassen Kaffee, ein Marmeladenbrot – ich wollte einfach los

 

 

Nach einem kurzen Blick auf die Karte machte ich mich auf dem Weg in die alte Neustadt, Baixa, dort wo zig Straßen im rechten Winkel miteinander verbunden sind, der Stadtteil, der von Grund auf neu aufgebaut wurde, nachdem ein Erdbeben das Gebiet komplett zerstört hatte.

 

 

So schlenderte ich durch Straßen, die alles in allem schön klassisch erschienen, aber sich von dem, was man in Hamburg oder Berlin erlebt, nicht großartig unterscheidet – aber eben doch Lissabon.

 

Vielleicht alles nicht so reich, so überbordend, denn doch viele kleine Geschäfte, nicht nur die großen Marken, hier ein Werkzeugladen, dort ein billiges Restaurant. Dies alles geprägt von den vielen tausend Fahrgästen des Freizeitkreuzers, der seine Gäste in Gruppen durch die Stadt treibt. Und da ich es hasse, ohne Ende herumzulatschen, setze ich mich hier und da in ein Straßencafé und lasse die Menschen an mir vorübergehen. Aber auch hier leider nicht die Zeit, in der ich mich sonderlich wohl fühlte, sondern immer etwas ungemütlich unter dem Stichwort: Was mache ich hier - außer sehen, hören, Kaffeetrinken. Ich musste ich etwas finden, was Sinn machte.

 

So ließ ich mich von einem Tuktuk wieder zurück nach in die Altstadt Amalfie fahren. Der Fahrer empfahl mir, mich von den großen Restaurants fernzuhalten, und wirklich guten Fisch zu essen bekäme ich sowieso nur in den kleinen Kaschemmen, je kleiner, desto besser.

 

 

Und so lief ich durch die unglaublich engen Gassen von Alfama die steilen Berge rauf und runter, fand auf Anhieb mein Hostel wieder, ganz ohne Stadtplan, ganz ohne Smartphone (ohne das ein normaler Tourist sich kaum noch auf die Straße traut, denn das erzählt ihm, dass an der nächsten Ecke, die erste Straße rechts dorthin führt, wo er meint, das er dahin müsse).

 

 

Und dann fand ich sie, meine kleine Kneipe, eine sogennannte Snack-Bar. Unauffällig, etwas schmuddelig und völlig leer, obwohl die Tische mit Papiertischtüchern, Messer und Gabel auf Gäste warteten. Eine kleine Theke, die Wand bis zum Rand mit Flaschen gefüllt. Ein altes Ehepaar wuselte herum. Da saß ich nun und bestellte mir Schnaps, ein Wort, was die beiden kaum kannten aber nach langem Suchen bekam ich schön gefülltes Glas mit Anisschnaps. Die Frau schön rund, ihr Mann schmal, irgendwie sehr alt und die ganze Zeit beschäftigt, die Theke und die Tische sauber zu wischen.

 

Da ließ ich mir die handgeschriebene Karte kommen und bestellte für zwölf Euro die teuerste Suppe, mit viel Reis und viel Fisch. Und bekam einen Topf voll, den ich gerade mal zur Hälfte bewältigen konnte.

 

Wunderbar.

 

Zwischendurch kamen zwei Töchter von der Schule, warfen ihre Taschen auf den Ofen, setzten sich zu ihren Eltern erzählten dieses und jenes und dieses und jenes und ich verstand kein Wort, aber die Menschen. Sie alle liebten sich, keine Frage, die Mutter immer etwas kritisch, der Vater ein strenger Vater mit viel Zuneigung. In einer solchen Umgebung fühlt man sich, ich sag's euch, deutlich besser als in jedem tollen Lokal, und oh Wunder, meine Beklommenheit, die mich noch vom Vortag so belästigt hatte, wich dem Gefühl von Vertrautheit und der Anis machte die Sache nicht schlechter. Und als ich die Familie so sah, machte ich schnell ein ein unscharfes Foto von dem, was mir so gut tat. Ich versprach es, ihnen zu schicken (hab ich gemacht). Die Mutter schrieb mir ihre Mail-Adresse auf.

 

 

Ein Gast kommt, eine Frau, eine Nachbarin, mit der sich die Chefin angeregt unterhielt, ich verstand kein Wort. Und irgendwann nach langer Zeit, wollte ich dann doch los. Und zu meiner Freude kam der Wirt auf mich zu und schüttelte mir zum Abschied kräftig und nachdrücklich die Hand. Dieser schmale leicht verbitterte Mann lächelte mich herzlich an und wir beide freuten uns dass wir uns kennengelernt hatten. Obwohl wir kein Wort voneinander verstanden, verstanden wir uns gut. Ich wankte leicht angetrunken durch die Gassen, angekommen in Lissabon.

 

Abends dann legte ich zum Klang der vorbeiziehenden Straßenbahn mein Kopf auf ein weiches Kissen, schaltete mein e-Book an und sank nicht viel später ruhig in den Schlaf.

 

Aber schon am nächsten Morgen, kaum aufgewacht, fühlte ich die Frage wieder: Was mache ich hier, was will ich hier, sollte ich doch lieber im Bett bleiben? Ein leichter Tritt in den Arsch tut manchmal ganz gut, auch wenn man selber dafür sorgen muss

 

 

Wieder ein kurzes Frühstück, mit Tischnachbarn die sich ausführlich und klug über die Komplexität angesagter Psychotherapien unterhielten. Für mich kein Anlass, sich in das Gespräch einzumischen, sondern staunend zuzuhören, wie diese jungen Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten, versuchten, dieses im Vorwege theoretisch zu erfassen, zu strukturieren es es auszuhalten. Während ich, selbst noch voller Bedenken und Unsicherheit, dem gegenüber stand, was ich an diesem Tag vor mir hatte.

 

Also los jetzt. Mit der Straßenbahnlinie 28, die meine Nächte so lautstark begleitet hatte, Lissabon erkunden. Zunächst in Richtung Norden.

 

Diese Straßenbahnen sind extrem altertümliche Gefährten, völlig frei von digitalen Errungenschaften. Meter für Meter kämpfen sie sich durch extrem enge Straßen, vorbei an parkendenAutos, die Vorfahrtregeln berücksichtigt, die Fußgänger geschont, zeitweise schrittweise, manchmal mit Höchstgeschwindigkeit.

 

Und so fuhren wir durch Stadtteile die mich endlich beruhigten. Kleine Plätze, hunderte von Geschäften, kein Lidl, kein Aldi, aber alles vorhanden, Kneipen, Händler, Friseure, Werkstätten, Buchläden, Lebensmittelhandel - alles da.

 

An der Endstation landete ich an diesem Vormittag auf einem riesigen Platz, in den sich einheimische Arbeiter mit hochbeschäftigten Bügern und einigen Touristen in der Sonne treffen

 

In den Fenstern signalisieren unzählige Klimaanlagen, dass es im Sommer hier sehr heiß ist. So saß ich auf dem Stuhl eines nicht geöffneten Cafés und genehmigte mir dann eine Fahrt in einem der oben geöffneten Sightseeingbusse. So etwas hätte ich früher nur mit Widerwillen akzeptiert, heute fand ich es angenehm, die Stadt ohne müde Füße kennenzulernen.

 

Und dann ging sie los, die wilde Fahrt. Immer wieder gestoppt durch städtische Staus, kurven wir durch das westliche Lissabon, Stadt, Stadt, Stadt, vom Charakter her recht südlich, bis hin zu den hochhäusigen Vororten, in denen mutige Architekturen glänzende Glaspaläste, moderste Lofts, Wohnungen, Hotels und Geschäftsräume für die neue Generation schwer beschäftigter Menschen zur Verfügung stellen – die moderne Welt, eiskalt und erfolgreich, wenn nicht gar insolvent. Der Wind im obersten Stockwerk meines Busses hielt mich frisch und nach einer Stunden waren wir wieder dort, wo wir losgefahren waren.

 

Weiter. Ich sah wie einige Einheimische in einem dunklen Eingang verschwanden. Ich folgte ihnen und fand mich in einem Laden wieder, in dem es praktisch alles gab: Fleisch, tausend nackte Hühnerleiber, Süßigkeiten, Brot und eine warme Suppe - alles eng, vielfältig, und voller Menschen.

 

Dort wieder ausgespuckt, müsste ich etwas essen und wartete vor einer Minikneipe, in der wohl zehn Arbeiter eng an eng an der Theke saßen und Ihre Mittagssuppe aßen – alles Einheimische, also musste es gut sein. Vor der Kneipe ein Tisch voll besetzt und ich wartete wohl eine halbe Stunde auf einem freien Sitz

 

Nicht lange saß ich dort allein, ein alter freakiger Mann fragte, ob er sich dazu setzen könne und ob es mich stören würde wenn er sich eine Zigarette drehen würde. Und schon schallte aus den Inneren das gellende Geschimpfe Besitzers, der es auf den Tod nicht leiden konnte, das sich ein armer alter Mann mit ellenlangen Fingernägeln draußen zu seinen Gästen setzt. Um die Situation zu entschärfen fragte ich den alten Mann, ob er einen Rotwein mit mir trinken würde. Tat er gerne, aber wurde mit weiteren Schimpftiraden von dem Besitzer nach innen gezwungen, wo er sein Glas Rotwein ohne mich trinken musste. Er hatte mir nach meinem schmalen Teller Suppe noch die Hühnerbrühe empfohlen, und auch die schmeckte mir noch. So gestärkt stellte ich mich unter der Sonne Lissabons in die artige Schlange zur Straßenbahn.

 

Die andere Richtung nun, mit der Linie 28 vorbei an meinem Hostel, die Straßen hoch und runter durch das alte Lissabon. Lange, lange dauerte diese Fahrt, bis ich vom Schauen müde wurde und froh war als die Endstation gekommen war. Wieder eine Tasse Kaffee und die Frage nach den Friedhof, der so unglaublich sein sollte da. Da, gleich um die Ecke.

 

Es erwartete mich ein beeindruckende Anzahl von Gräbern, von Gruften großen und größten Ausmaßes, gebaut für Familien, die nicht von Geldsorgen gequält waren, sondern von der Angst vor einem Jenseits, vor dem man in diesen Monumenten Schutz finden könnt

 

Und über allem dröhnen sichtbar und hörbar die Boeings im Anflug an den nahen Flughafen. Der Himmel meldet sich, wacht über die Toten.

 

Und wieder die Straßenbahn, um dorthin zu fahren wo ich mich inzwischen schon zuhause fühlte. Dort erregte ein monumentales Gebäude weit über mir meine Aufmerksamkeit und ich machte das, was ich schon immer gehasst hatte, ich besuchte ein Museum, das Sao Vicente de Fora, ein ehemaliges Kloster, das von dem perversen Reichtum der katholischen Kirche erzählt

 

Vieles aus der Geschichte Lissabons habe ich dort gesehen, bin aber doch zu ungebildet, um alles richtig einordnen zu können. Ganz oben vom Dach dann ein wunderbarer Blick über das Land, über den Fluss, über die Stadt und über alles

 

Und schon taten mir die Füße weh, ich gehe zurück ins Hostel.

 

Ein, zwei Stunden auf dem Bett, etwas ausgeruht, um wohl vorbereitet zu sein auf den zweiten abendlichen Besuch in der kleinen Bar, wo mich ein leises Lächeln begrüßt. Die Chefin im angeregten Gespräch mit dem einzigen Gast, einer Nachbarin, die sich zu dieser Stunde an einer Tasse Kaffee festhielt. Sie blieb auch neben mir der einzige Gast, abgesehen, von den Wenigen, die sich eine Cola oder einen Kuchen im Vorbeigehen abholten.

 

Heute bestellte ich mir eine Dorade, so was hatte ich mein Leben lang noch nicht gegessen. Ein Wein kam und die aufmerksame Bedienung des alten Herrn. Und es dauerte nicht lange, dass sich vor einem Teller mit einem nicht geköpften und grätenreichen Fisches saß, mit Kartoffeln, doch recht trocken, das Gemüse ausreichend – nun gut und das für neun Euro. Ich lehrte meine Kasse mit meiner Bestellung für Schnaps, einer Karaffe gutem Rotweins, einen Kaffee und noch einen Espresso

 

Und wie am wirklichen Leben auch bei uns erzählte die einzige Gästin dem geduldig zu hörenden Wirtspaar viele Geschichten aus ihrem und dem anderer Leben. Redete und redete und redete. Dann schlurfte eine alte, uralte Frau herein, begrüßte das Wirtspaar mit einem Kuss auf beide Wangen, bewunderte die neue Frisur der anderen Gästin, küßte auch sie und küßte auch mich, links, rechts, nach den ich sie freundlichst darum gebeten hatte. Dann schlurfte sie nahezu unbemerkt wieder hinaus.

 

Irgendwann beendeten die Red-Seelige ihren Vortrag stand auf und tanzte zu der Musik aus dem kleinen Radio. So fröhlich, dass auch ich aufstand sie in meine starken Arme nahm und mit ihr ein paar Runden drehte. Alle lachten, sie freute sich und verließ die Stube mit erhobenem Daumen.

 

So saß ich dann noch eine Stunde genoss mein Leben und freute mich, dass ich mich nicht einsam fühlte.

 

Und die Familie sah mir an, dass ich mich wohl fühlte und so verging der Abend in schönster seelischer Stimmung.

 

Morgens dann, am letzten Tag wird die Stimmung dieses letzte Tages natürlich von den nachmittäglichen Abreise bestimmt. Und so wanderte ich, nachdem ich gepackt hatte und meinen Rucksack zur Aufbewahrung aufgegeben hatte, den Berg hoch durch die schmalen Straßen zu einem dieser berühmten Aussichtspunkte, von dem man aus über ganz Lissabon und den Fluss blicken kann. Es war noch reichlich früh am Tag, Touristen gab es kaum und bei einem Glas Cola beschloss ich diese Reise.

 

Aber Halt, ein Höhepunkt noch: Eine Straßenbahn hatte schlapp gemacht und hinter ihr warteten viele andere Wagen aufs Weiterkommen. Und so schob eine halbe Straßenbahn die Kaputte wieder zurück auf die Gleise - ein sensationelle Aktion, die halb Lissabon in Aufruhr versetzt. Ja so ist das in kleinen Städten, die an ihren Rändern richtig groß sind.

 

Mit dem Rucksack über Schulter suchte ich die U-Bahn-Station unten am Hafen, kam viel zu früh am Flughafen an, hing Stunden in einer Kaffeebar rum, wurde mit dem Bus zu einer anderen Landebahn gefahren, dort, wo die Billigflieger hingehören, wurde gecheckt und gescant, wartete wieder unendlich lange und enterte dann doch endlich das Flugzeug.

 

Der Flug war laut, vor allem wegen zehn schwarzen Frauen und Männern die über viele Reiehen hinweg lautstark und redebegeistert ein ununterbrochenes Wortmassaker von sich gaben, während mein Sitznachbar. ohne die Miene zu verziehen, vier Stunden wortlos vor sich hinstarrte, und ich ihn mit meiner riesigen Tageszeitung nervte.

 

Hamburg. Mit halbwunden Hintern, rein in die U-Bahn, hin zum Auto, ja, es war noch da und in stockdunkler Nacht über die Autobahn zurück, dorthin wo ich gerade losgefahren war. Eigentlich immer noch in Lissabon, war ich bald in Godenstedt

 

War doch ein Hammer, die Reise.