DAMASKUS. Als es noch heil war

Also fahren wir nach Damaskus. Nachdem ich gesagt hatte, dass aus dem gemeinsamen Urlaub vielleicht nichts wird und ich dann ja eine Woche allein nach Nordafrika fahren könne. Worauf Michaela den Ober-Terz macht und wir uns auf Damaskus einigen.

Zunächst verschlafen wir – und das nach bester Planung, aber der Wecker ist schuld - kommen aber rechtzeitig in Bremen an. Dann fliegen wir nach Frankfurt, verbringen 1 1/2 Stunden im Flughafen. Optik geniessen, gut essen, rumlaufen. Und dann weiter nach Damaskus. In einer Lufthansa-Maschine. Michaela am Fenster

Im Flugzeug schon ziemlich viele dunkle Gesichter. Geschäftsleute, Frauen, Männer, Menschen.

Vor Damaskus fliegen wir über eine wüste, wüste Wüste, im weiten Bogen von oben kommend. Sehen Vertiefungen und Hügel, können aber nichts richtig erkennen - es ist schon fast dunkel.

Nach vier Stunden Flugzeit kommen wir an. Es ist eine Stunde später als bei uns, es ist 7 Uhr.

Wir steigen aus. Kleiner Flugplatz. Aber Damaskus.

Im Abfertigungsgebäude dann voller DDR-Mief. Dunkle Soldaten beherrschen die Szene. Hinter jedem Schalter diskutieren sie zu fünft oder sechst über die Papiere der Ankommenden, während einige der Europäer hektisch versuchen, Einreiseformulare in ihrer Sprache zu finden.

Wir halten uns erst einmal zurück, setzen uns in die Ecke und beobachten, wie Menschenschlangen sich bewegen. Viel Bewegung, wenig Ergebnis. Und als sich erneut ein Schwall von Menschen in das Gebäude ergießt, stellen auch wir uns an.

Die fünf, sechs Zeitschriften, die ich in meinem Wissenswahn gekauft hatte, schenke ich einem Soldaten und einem anderen Mann - beide sehr interessiert.

Und da: Ein Computer hinter dem Schalter, Assad-Bilder an den Wänden, grüne Uniformen, stolze, machtbewusste und leicht gelangweilte Soldaten, karge Räume, viel Kunststoff, arabische Schriftzeichen - welch ein Empfang, so einsam irgendwie.

Ja, wir werden durchgelassen, kommen an stillstehenden Laufbändern vorbei, wo zwei Soldaten als Zollkontrolle stehen. Alle gehen unbehelligt durch, nur ich und die Michaela gucken wohl etwas komisch. Das schlechte Gewissen mit der Flasche Whisky in der Tasche, von der ich nicht wusste, ob sie erlaubt ist. (Auf den Besitz von Haschisch und ähnlichem erwägen die Syrier leider gerade die Todesstrafe). Also kurzes Taschefilzen, aber nichts gefunden - habe ich gerade meinen Kopf gerettet?

Wir gehen durch die nächste Tür. Und wie eine Wand eine Menschenmenge vor uns, dunkel, schwarz, hinter Absperrgittern, uns gebannt anstarrend - sind wir die, auf die sie warten, wer sind wir

Und Jürgen war wirklich in Versuchung, anhand dieses großen Publikums einen gemeinsamen Willkommensgruß zu skandieren, lässt es aber dann doch - was weiß ich warum

Die tausend Menschen machten freundlich Platz und schon - ja wie im Bilderbuch - bietet sich ein Taxifahrer an. Ich schaute ihm tief in die Augen, sah keinen Falsch darin und lasse mich führen.

Auch hier die Optik trist, sozialistisch - allein der Bohnerwachsgeruch fehlt.

Assad, Assad überall. Oh, Gott. Und das mit einem Grinsen auf den schmalen Lippen, das Leute haben, die sich nicht über den Tisch ziehen lassen, sondern selber ziehen. Und es wissen.

Und gibt es nur dieses eine Photo? Nein, es gibt noch ein anderes.

Der Taxifahrer ist kein Taxifahrer. Es ist der Bote der anscheinend zentralen Taxifahrerorganisation, die von einer resoluten, älteren Dame, die wie viele leidlich englisch radebrecht, gelenkt wird. Aber sie weiß, was ich will und bietet uns für 20 Dollar ein Taxi in die Innenstadt an und empfiehlt mir auf mein Fragen ein "Oriental Hotel", eine Bleibe.

Nun gut. Es ist dunkel inzwischen, alles ok. Wir zahlen und fahren durch ein unwirkliches Licht, aber stetig staunend nach Damaskus.

"Einen TÜV haben die hier wohl nicht", waren Michas erste Worte. Warum auch. Schließlich fahren Autos auch ohne Rücklicht, nur ohne Hupe ist man hier verloren. Die Straße, eine Autobahn für Autos, Radfahrer und vieles andere, führt strikt in ein immer dichter werdendes, immer noch sozialistisches Lichtermeer.

Die Augen, lechzend nach Orient, suchen unbefriedigt. Wo sind wir? Allein der chaotische Verkehr, das ständige Hupen, Dröhnen, die neue Unübersichtlichkeit geben Hoffnung, dorthin zu kommen, wohin wir wollen.

Wir biegen in eine Sackgasse ein, halten vor einem Hotel und steigen aus. Drei, vier Araber in einer Rezeption, die keine ist. Verhandlungen, wir zwei bezahlen ein Zimmer für fünf - teuer, aber ein Zimmer.

Das Gepäck unter dem Arm betreten wir einen Raum, der in seiner Traurigkeit kaum zu übertreffen ist. Fünf Betten stehen in loser Anordnung an den Wänden. Schummriges Licht, graue Wände, ein Assad-Bild, karge Aluminium-Fenster, Fernseher, Schrank, Klima-Anlage und Kühlschrank mit Süßigkeiten und süßen Getränken tun alles, um uns auf uns selbst zurück zu weisen. Und will man das Ganze in seiner Endgültigkeit betrachten, kann man den Lichtschalter für das entsetzliche Neonlicht betätigen.

Unser Zimmer hat einen großen Balkon. Ich schiebe die Tür auf, schaue hinunter. Auch hier die Betonwelt, überall. Schmutz vor dem Hotel, herumstehende Jugendliche. Ein Streit mit dem Fahrer eines nagelneuen Toyota-Pick-up - der Fahrer will für eine Leistung nicht zahlen, fährt davon. Der Junge bleibt sauer zurück, die anderen wollen ihn besänftigen. Er bebt, schreit, geht ein paar Schritte weg in seiner Wut.

Wir tragen uns ein. Und später verlassen wir das Hotel, abwärts per Fahrstuhl, um herauszubekommen, was draußen ist: Die Sackgasse und dann, wie ein Brüllen, die Straße, die Hauptstraße, Menschenmassen, Hupkonzert, neugierige Augen. Wir wenden uns unsicher nach rechts. Arabische Buchstaben überall, wenn wir uns verlaufen, werden wir nie wiederkehren.

Viele Lichter, Verkäufer, Spaziergänger, schwarze Augen, Gestalten - und immer sehr neugierige Blicke, aber warm, auch herzlich.

Vor allem die Hässlichkeit der Gebäude beeindruckt: Beton, Beton und unverputzte Betonblock-Bauten so weit das Auge reicht. Wenig Grün, ein paar Bäume an den Straßenrändern. Wir stolpern immer wieder - der mit Platten belegte Boden ist brüchig und die Bürgersteige erscheinen meterhoch.

Die Frauen meist mit Kopftuch oder ganz im Tschador versteckt, aber auch provozierend modern, meist im Schutz der Gruppe oder eines Mannes. Viele Männer flanieren als Paar untergehakt oder Hand in Hand. Keine Europäer, wir fallen hellhäutig und hellhaarig auf wie Wesen von einem anderen Stern, und besonders die blonde Michaela muss sich daran gewöhnen gründlich angestarrt zu werden.

Aber keine bettelnden Kinder, obwohl viel Armut zu sehen ist - als Teil des Ganzen. Und wo immer sich eine lohnende Beschäftigung zeigt, an der Rezeption, beim Verkauf von Säften oder Zeitungen sind es gleich mehrere, die sich darum scharen, junge Männer en masse.

Nie hören die Busse auf, zu hupen. Jedes Manöver, jede Richtungsänderung, jeder Fußgänger auf der Straße wird behupt, in einer Lautstärke, die jeden zivilisierten Europäer auf die Palme gebracht hätte, die dort auch in Vorgärten wachsen.

Wer Assad nicht sehen will, hat keine Chance. Der große Platz, den wir erreichen, wird von einem monumentalen Portrait – hoch, wie das Hochhaus, an dem es hängt - geschmückt, hell bestrahlt von Scheinwerfern.

Der Verkehr brodelt ununterbrochen. Aber kaum Reifenquietschen, kaum erkennbare Regeln. Rätselhaft, wer Vorfahrt hat und warum, aber alle sehen alles, nichts geschieht. Keinen einzigen Unfall haben wir in der folgenden Woche gesehen, obwohl die Autos aussehen, als ob sie schon viele Leben hinter sich haben: verbeult, beschädigt, staubig, bemalt. Und überaus mächtig die Busse, wohl 15 Meter lang, geschmückt bis unters Dach, bemalt, alt, laut und unglaublich kraftvoll sich durch den dichten Verkehr windend. Dazu die kleinen Busse, nicht minder voll, bemalt und laut, überall haltend, und wir beide wissen nun, dass wir nie herausbekommen werden, wohin sie fahren - die arabische Schrift ist ein rückwärts geschriebenes Rätsel.

Wir wandern zurück, immer noch entsetzt über die betonierte Kultur, zurück ins Hotel, hinein ins Bett und schlafen erschöpft ein.

Nachts - wie spät ist es ? - werde ich ganz allein von der Stimme des Muezzin geweckt. Sie klingt in wunderbarer Klarheit laut über die Stadt. Das Minarett, von der aus sie zu hören ist, wird von grünen Lampen angestrahlt. Dann sagt es Klick, die Stimme endet abrupt - die Beleuchtung wird mit dem gleichen Schalter ausgemacht, wie die Lautsprecheranlage.

Beruhigt schlafe ich wieder ein. Im Alla Tower Hotel. Damaskus.

Und dort wache ich auch wieder auf. Wir müssen etwas tun, etwas anderes suchen.

Wir frühstücken auf dem Zimmer: Fladenbrot, Käse, Marmelade und Kaffee in kleinen Tassen, schwarz, stark, türkisch.

Und dann geht es um Geldwechseln. Wir haben Reiseschecks und ein paar hundert Dollar. Es ist ein Abenteuer, weder Straßennamen finden zu können, noch Buchstaben zu verstehen oder Zahlen lesen zu können.

Also frage ich mich durch. Die nächste Bank ist nicht zuständig, die Menschen aber freundlich, mit etwas Englisch ist allen geholfen. In der Bank vor jedem Schalter Menschentrauben, und wäre man sich nicht sicher, dass es alles Menschen sind, würde man zurückschrecken vor der Fremdheit, Andersartigkeit und Dunkelheit.

Erstaunlich viele Frauen im Bankgewerbe. Sie weisen mir den Weg zur richtigen Bank, und ich erfahre dort, dass ich ohne meinen Pass nicht wechseln kann.

Auch die Tourist Information ist nicht weit. Wir hatten sie schon bei unserem ersten Abendbummel entdeckt und gerätselt, ob das Büro nun aufgegeben, verlassen sei, oder nicht. Nun ist geöffnet. Groß, leer sozialistisch, ganz hinten zwei Gestalten - eine faszinierend geschminkte Sophia Loren der 90er Jahre und ein schüchterner, bärtiger kleiner Mann im Anzug.

Sie versucht mich mit schlangenhaftem Lächeln zu beeindrucken, aber das Mietauto, das ich will, das kann nur er mir besorgen. So bricht sie ihre Bemühungen so plötzlich ab, wie sie sie begonnen hat. Ich werde später wiederkommen, gehe zurück zum Hotel, mitten durch den allerdichtesten Verkehr, wo die Menschen lieber auf der Straße gehen, um auf dem Bürgersteig nicht zu stolpern.

Ein Autosammler würde wahnsinnig werden, Himmel und Hölle gleichzeitig erleben, denn so viele alte Autos gibt es sonst in ganz Europa nicht. Älteste Amerikaner, Opel Kadett, Mercedes Benz - das Benzin ist billig und Rost hat keine große Chance. Meine Schuhe sind sofort von einer dichten Staubschicht bedeck

Michaela und ich beim Geldwechseln. Der erste Schalter ist nicht zuständig. Der zweite soll es sein. Nein, hier.

Die Kunden tragen lange, fließende Gewänder oder europäische Anzüge. Wir sind Touristen, aber fühlen uns nicht so. Nur Michaelas lange blonde Haare wecken die allgemeine Aufmerksamkeit - alles schaut nach ihr, so habe ich Zeit, die anzusehen, die sie ansehen.

Das große Büro, es geht wohl über das ganze Stockwerk, wird von einer Vielzahl von Schränken und in jeder freien Ecke aufgestapelten Aktenbergen beherrscht. Ein Chaos, das einem deutschen Bürokraten den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde. Aber hier weiß man anscheinend, in welchem Stapel welche Akte zu finden ist. Die Atmosphäre ist geschäftig, aber zwischendurch wird auch Tee gebracht, von einem jungen Mann, der hier wohl für den Service zuständig ist. Erstaunlich die vielen Frauen auch hier.

Nach dem Erledigen der Formalitäten warten wir vor der Kasse zusammen mit anderen darauf, unser Geld zu bekommen. Im Kassenraum ein Durcheinander, das sogar den Kassierer an den Rand seiner Fertigkeiten treibt. Ein Kollege, Vorgesetzter kommt, fasst die Hände des Kassierers unter dem Sicherheitsglas hindurch, und es entspinnt sich ein arabisches Zwiegespräch, das sich anhört wie: "Wie geht es Dir Kollege, gegrüßt seien Deine Mutter und Dein Vater, der Himmel sei mit Dir und die Rechnungen in Ordnung." Der andere: "Sei Du gegrüßt. Wie Du siehst, fehlt es mir an nichts außer an Ordnung, Übersicht und Gelassenheit." Der erste: "Du wirst, so wie ich Dich kenne, alles bewältigen, ohne Fehl und Tadel, und am Abend, so er denn komme, wirst Du Allah für einen Tag danken, der Dir viel gegeben hat, auch Sorgen und die Liebe, wie ich sie Dir gebe." Der Kassierer: "So wird es sein. Grüße Deine Familie und sage ihr, dass sie einen guten Vater hat und somit den Segen, den sie braucht, um in dieser Welt ein menschenwürdiges Dasein fristen zu können." Die Hände der beiden lösen sich, und etwas beruhigt versucht der Kassierer, Ordnung in sein Chaos zu bringen.

Dann sind wir dran. Wir haben diese eigenartigen Traveller-Checks unterzeichnet. Geld, das erst dadurch einen Wert bekommt, dass man es unterschreibt. Nun wird daraus ein dickes Bündel Banknoten: Syrische Pfund, Lira, Tausende, 27 für eine Mark.

Damit zur Tourist Information. Die schöne Schlange und der Schüchterne begrüßen uns, und sogleich steigen wir mit ihm in eins der vielen gelben Taxis, die überall auf der Suche nach Kunden herumfahren. Wir fahren aus der Stadt hinaus in ein vornehmeres Viertel, zu einer Autovermietung, hell, sauber, freundlich, förmlich und teuer.

Nach ungefähr 10 Unterschriften bekommen wir einen ziemlich neuen Koreaner, der aber auch schon seine Lebensspuren aufgedrückt bekommen hat. Hinten, vorn, an der Seite und am Spiegel, Kratzer, Beulen, lose Teile - ein ziemlich heiles Auto für Damaskus.

Mit eigenen Mitteln im Verkehr ist auch nicht schlecht. Nur etwas voll ist es, und der Verkehr regelt sich hier über Auge und Ohr. Es geht um Zentimeter, um Nerven, um etwas Mut, Menschenkenntnis, Hierarchiesignale und um den Wert des Lebens im Allgemeinen. Nach dem ersten piegel/Spiegelkontakt war ich eingefahren.

Unser frischgetauschtes Geld war fast ganz beim Automieten draufgegangen, nun brauchten wir weiteres Geld, um aus dem Hotel rauszukommen, und natürlich war nun gerade die lange syrische Mittagspause angebrochen. Unser Tourist Informateur konnte uns helfen und fuhr mit uns in die Altstadt - und, oh Wunder, wir sahen das, was wir wollten: alte Häuser, lebendige Menschen, regen Verkehr auch noch in schmalen Gassen, aber auch Ruhe und ein tiefes Stück Vergangenheit. Wir stellten das Auto ab und folgten unserem Führer durch eine enge Straße in ein finsteres Haus, die Treppe hoch, wohin? - in Räumlichkeiten, über und über mit kostbaren, einmaligen, seltenen, neuen und gebrauchten Dingen, mit Teppichen, Tüchern, Uhren, Möbeln und Schmuck gefüllt. Kein freies Fleckchen außer dem, wo wir empfangen werden. Man gibt uns zu verstehen, dass der Besitzer gerade nicht da ist, einen kleinen Moment nur - etwas Englisch ist schon viel. Wir bekommen Tee angeboten, den starken, in kleinen Gläsern, der nur mit viel Zucker schmeckt. Unser erster Tee in Damaskus.

Wir sehen uns um, unser Begleiter von der Tourist Information setzt sich ein wenig in die Ecke und beginnt wie schon in der Autovermietung, sich vor sich hin zu bewegen - irgend ein Rhythmus der nur in seinem Kopf zu hören ist, bewegt ihn. Ein Problem, aber kein ernstes.

Dann kommt der Chef. Wir fragen, ob er uns Geld wechseln könnte. Kein Problem. Wir sagen, was der Kurs bei der Bank war, er holt seinen Rechner - nonverbale Kommunikation - alles klar, und ich denke noch, dass er noch ein Geschäft macht, aber eben nicht so toll, dass man sich betrogen fühlt. Wir nützen uns gegenseitig, es könnte schlimmer sein

Dann, die Taschen voller Geld, sehen wir uns alles an, probieren dies und das, fragten nach Preisen und Material. Wir kauften Schmuck: ein Armband für Marion Deppe, für Syrien sehr edel und teuer, na, sagen wir mal: fünf Luxusessen für eine Person oder so, eine Fußkette, zwei Seidentücher für die Kinder und eine kleine Silberdose für Hannes und Petra. Die war, bei viel weniger Masse, genauso teuer wie das Armband. Im Rahmen dieses geschäftlichen Teils wurden wir auch darüber aufgeklärt, dass der industriell gefertigte Schmuck nach Gewicht bezahlt wird, der handgearbeitete nicht.

Mit großer Freundlichkeit wurden wir dann verabschiedet. Wir tauschten Adressen, machten die Wege frei für weitere Kontakte - denn immerhin gab es einen syrischen Vetter in Düsseldorf und alles ist möglich, zu schicken und ..

Unser Führer schickte immer voraus: Nachverhandlungen gehören selbstverständlich dazu, Provision. Wir fahren zurück, er empfahl uns ein anderes, ein gutes Hotel gleich in der Nähe. Al Majed.

Langsam bekamen wir die Atmosphäre zu spüren, die wir suchten. Ein Hotel, das etwas orientalisch, etwas europäisch und sehr freundlich war. Große Spiegel in der Rezeption, lang gewandete Gestalten, wartende Araber, ruhige Menschen, kleine Blicke, freundliche Gesichter und keine Zimmer frei. Nur eines im Keller, ohne Fenster. Nein. Oder doch noch eins, aber draußen rechts neben dem Hotel. Der Manager, ein charmanter, ein liebenswürdiger Mensch, der immer hilfsbereit und höflich tat, was notwendig war - und das war nicht wenig - öffnete die Tür zu einem garagengroßen Nebengebäude. Das war unser neues Zimmer. Bald, vielleicht, würden wir ein anderes bekommen können, mag sein.

Wir brachten unseren Führer zu seinem Arbeitsplatz zurück, bekamen noch ein paar Angebote für Besichtigungstouren - aber wir wollten lieber zu zweit. Dann zurück ins Alla Tower, Zimmer bezahlt und Umzug ins neue Hotel. Etwas dunkel, das neue Zimmer, weil es nur zwei kleine, hohe Fenster hatte und ein wenig kalt - es war kühl, an diesem Montag. Duschen, Siesta und Sex in Syrien. Geht hier genauso gut, wie in Deutschland.

Langsam werden wir doch etwas hungrig. Das Frühstück im alten Hotel war so dünn, wie das Zimmer ungemütlich und so erkundigten wir uns bei dem freundlichen Manager nach einem Restaurant. Denn wir waren auf der Suche nach dem Orient, auch dem von Gestern. Im Ali Baba sollten wir es bekommen. Aber vorher liefen wir durch die Innenstadt, die fast nur von jungen Männer bevölkert war. Freundlich neugierig, sie schauen und lachen mal, und Michaela hält sich ziemlich dicht an Jürgen - aber sonst ist alles in Sicherheit.

Ali Baba ist im Keller. Oh ja, Orient hoch drei. Die Bedienung ist in Tracht - auch mit Fes , Ali Baba als große Holzfigur im Hintergrund. Wir sind, um 20 Uhr, ziemlich die ersten Gäste in dem großen Raum - hier geht das Nachtleben erst später los. Freundlich empfangen, und der Ober ist ein Mann der guten alten Schule. Er erinnert einen an die kolonialen Vorfahren, die heute von den Touristen abgelöst werden, von denen es in dieser Stadt so wenige gibt.

Wir essen reichlich und gut, und dann kommen sie, die anderen Gäste. Viele Touristen oder Westler nun doch, man sieht sie sonst kaum, aber hier mit dem Gepräge westlicher Verhaltensmuster, die im fremden Land fremd wirken - so möchte man nicht sein. Das Ganze gekrönt von einer Schar neurotisch unbewusster Spanier, denen Franco immer noch ins Blut spuckt, die in der Gruppe geschützt so bleiben können, wie sie sind, auch in Damaskus. ("Wer will Salat, Finger hoch! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Sieben, und die anderen? Was hast Du gesagt ?") So wird aus jedem Lokal der Welt "Klein Spanien" oder was auch immer. Gruppenreisen - die reine Angst fährt mi

Rollenspiele überall: Wenn ein deutscher Familienvater sich mit dem Ober arabisch unterhält und die Mutterdrohne allein das Recht hat, Kinder zu disziplinieren - und wenn sie das nicht schafft, er den 8jährigen Sohn dermaßen kneift, dass dieser schmerzverzerrt nun artig ist. Drohend der Vater blickt, gläubig bis gleichgültig die Mutter nicht reagiert - so leicht ist man geschädigt, ein Leben lang so zu sein, wie der Vater, wo man die Gene der Großeltern in sich hat, Trauer, Kampf der Generationen.

Nachdem wir gesehen haben, wie eifrig Wasserpfeifen durch das Lokal getragen wurden, bestellen wir auch. Michaela auch? Michaela auch! - zumindest das ist den Frauen im Islam nicht verboten. Der Ober ist ganz begeistert und schleppt auch gleich zwei Wasserpfeifen ran. Mit Holzkohleglut wird der Tabak befeuert, und der lange Schlauch bewirkt, dass man inhaliert wie ein Tier. Eine der seltenen Gelegenheiten, bei der es mir vom Rauchen beinahe schlecht geworden ist.

Wir sinken in unser Bett. Im neuen Zimmer im Hotel Al Majed - es ist immer noch kalt. Wir genießen die Dusche, rücken die beiden Betten zusammen, stopfen die Ritze aus und wärmen uns zusammen auf.

Ein Traum Ich wollte etwas Wirkliches träumen, was mir Klarheit bringen würde und träumte - in der 2. Nacht, denke ich - dass ich in Hamburg auf Musiker traf, ähnlich wie die "Christians" es waren. Trompeter in hellgrauen Anzügen. Ich vermutete, dass sie professionelle Instrumentalisten waren, verzichtete darum auf ein Instrument. Ich sang. Auf einer mehr als belebten Kreuzung sang ich. Sie spielten dazu, jeder an einem anderen Punkt der Kreuzung. Wir konnten uns hören, aber nicht sehen. Wir spielten spontan, ohne Verabredung, jeder tat das Richtige, die Maloche war hier klar, das Vorgehen auch. Ich tanzte sang, tief befriedigt und sank am Ende außer mir auf den Boden. Heftig stöhnend wachte ich auf.

Morgens am Dienstag in die Pharmazie. Michaela, die sonst fast nur barfuss läuft, braucht nun Pflaster für ihre schuhwunden Füße. Und hier das Chaos. Wo der Apotheker das Pflaster herholt - aus dem Schaufenster? - ist schon ein Abenteuer. Aber er hat gut zu tun und verdient sein Geld mit Autorität und mittelschlechter Laune.

Die Ärzte hier machen auf großen Schildern Reklame für sich - in orientalischer und lateinischer Schrift. Wesentliches Kriterium scheint der Ort ihres Studiums zu sein - auch "West Germany" entdecke ich, aber die USA scheinen doch gängiger zu sein. Überhaupt sind die Berufsbezeichnungen in der Sippe ein Abenteuer für sich, und außer Ärzten scheint hier kaum jemand zu wohnen.

Mit welchem Gefühl geht man, als Fremder, über die Straßen. Wie in Berlin, wo man immer fremd, aber immer auch zu Hause war. Man muss sich um sich selbst kümmern, damit man sich um andere kümmern kann. Damaskus/Berlin waren immer auch Schnittstellen vieler Kulturen.

Nach einem schon viel freundlicheren Frühstück im Restaurant des Hotels, mit zwei kleinen Springbrunnen und weitem Blick über das immer noch ziemlich graue Damaskus, nehmen wir unseren Koreaner (Auto) und fahren gen Norden: Ziel Maalula. Denn um Damaskus kennen zu lernen, wollen wir uns erst mal das Drumherum ansehen.

Raus aus der Stadt - gar nicht so einfach, Michaela mit der Karte auf dem Schoß, links, dann zweite rechts, oh Scheiße, war falsch, na macht nichts, dann fahren wir eben .... - raus aus dem Staub, immer flacher werdende Häuser, immer weniger Verkehr, den schnellen Bussen folgend. Und wenn wir nicht weiter wussten, dann fragten wir - ein Schwätzchen in broken English ist immer drin - und uns wurde immer freundlich, lieb und nie aggressiv weitergeholfen. Mit diesem Gefühl finden wir den ersten kleinen Fluss, lebendig tobend zwischen mageren Bäumen, die nach der Betonwüste der Stadt überwältigend grün aussehen. Ein Ort auszuruhen, mitten in einer bergigen, staubigen Gegend, eine Familie macht Picknick an seinem Ufer. Wir stören nicht, fahren ein Stück weiter, lassen das Auto stehen und steigen hinunter. Wir setzen und ans den Bach, ein Haus mit Grundstück im Rücken, es wirkt verlassen, aber nicht ganz. Jürgen hält die Füße ins Wasser - Michaela kann leider nicht, sonst würden die Pflaster aufweichen - und erlebt ein Stück Lebensqualität.

Wir wollen uns noch ein Bild machen von diesem ersten schönen Stück syrischer Natur. Wir gehen zum Auto zurück, und als ich noch einmal hinuntersteige, um zu fotografieren, hält oben auf der leeren Straße ein Lastwagen voller Soldaten. Sie haben Michaela entdeckt, allein im Auto, lachen, schreien. Als sie mich kommen sehen, geben sie auf - Michaela hatte die Türen von innen schon verriegelt, an diesem zweiten Tag als Frau in Syrien.

Weiter geht’s nach Norden. Völlig unbewachsene Berge, staubige Straßen, staubige Orte, staubige Lastwagen - und irgendwann die Straße nach Maalula. Ein Soldat an der Wegkreuzung will mit, wir lassen ihn rein. Kein Wort, nur Blicke, und irgendwann verlässt er uns wieder, nicht ohne Danke gesagt und uns den Weg gewiesen zu haben.

Mülltüten. Ins Tal hinab gefahren, erleben wir die Kultur der Mülltüten, Abertausende schweben über den Feldern, bleiben im Gestrüpp oder den jungen Pflanzen hängen - ein Bild des Reiseführers: als ob die Mülltüten hier angebaut würden. Eine schreckliche Plage, die erst in wenigen Jahrtausenden ihr natürliches Ende finden wird.

Der starke Wind treibt am Fuß der weitentfernten Berge eine kilometerbreite gelbe Staubwolke hoch, die erst im Berg wieder Ruhe findet. Aber der Wind treibt und treibt unablässig, irgendwann wird die Mutter Erde erschöpft sein von der Hitze, von dem zehrenden Wind.

Man geht über die Straße und überall kommen einem die Männer entgegen, Hand in Hand, Arm unter Arm - Paare, denkt man und fühlt sich unwohl in den Homo-Kategorien der verdorbenen Heimat. Michaela löst das Rätsel: die Frauen sind Tabu für Blick, Gesten und Berührungen. Gleichgeschlechtlich ist viel erlaubt, wie viel wissen wir nicht, aber Hand in Hand fallen wir beide, Mann und Frau, mehr als jedes der Tausend mal Tausend Männerpaare auf

Die Frauen dagegen oft eingewickelt, nicht viel kann man von ihnen sehen, der Kopf ist in aller Regel von einem eng gebunden Kopftuch so eingehüllt, dass man das Gesicht, aber nicht die Haare sehen kann. Und darunter viele Gesichter, deren Unschuld mich an Nonnen erinnert, nur das diese Augen viel mehr wissen und wissen wollen, aber nicht dürfen. Entsetzlich in seiner Grausamkeit dann der klassische moslemische Tschador, der den ganzen Körper von Kopf bis Fuß bedeckt und nur eine Öffnung für die Augen lässt: In tiefem Schwarz kommt dir ein Torso entgegen, der von einem schwarzen Stumpf gekrönt ist, unter dem der Kopf, der Mensch, sein Antlitz, sein Blick verborgen sind, auf dass nur der Ehemann sein Vergnügen daran habe. Ein Vergnügen.

Im Maalula hängen die Häuser am Berg, Stockwerke hoch, noch höher, weil der Berg steil ist und der Platz knapp. Hier spricht man noch die Sprache, die Jesus gesprochen hat. Und wenn man ein wenig offen ist, kann man die Geschichte spüren,

Wir folgen den Empfehlungen unseres Reiseführers und fahren auf die Bergspitze zu einem Hotel, in dem gespenstisch modern einige europäisch gekleidete Gäste ihr einsames Dasein fristen, zu Preisen, die hier kaum jemand bezahlen könnte, uns aber noch niedrig erscheinen. So niedrig, dass wir hier eine Flasche Whisky kaufen, weil wir in Damaskus noch nichts Alkoholisches entdeckt hatten. Ich trinke Kaffee, und Michaela erfüllt sich ihren Traum von einem kalten Bier - syrisches, trotz Alkoholverbot für Moslems - und geht zweimal auf Klo, weil der Mangel an Büschen und Bäumen bei Überlandfahrten doch ein echtes Problem ist

Als wir wieder ins Dorf hinab fahren wollen, treffen wir auf einen alten Mann mit seinem Enkel. Sie wollen mit. Nach kurzem Zögern halten wir, sie laufen auch schon hinter uns her, fragen, ob wir nach Yabrond wollen - viele Kilometer weiter nach Norden. Eigentlich hatten wir uns gerade eine andere Route ausgeguckt, aber gut, fahren wir nach Yabrond, liegt auch in unserer Richtung. Wieder auf kahlen Höhen, kaum schneller als 60 km/h, versuchen wir, uns zu verständigen - aber außer Blicken und Gesten, Wortfetzen, verstehe ich nichts.

Der Alte trägt sein Palästinensertuch mit Kopfring, sein Gesicht ist gegerbt von jahrzehntelanger Sonne, sein Enkel jung und aufmerksam, beide gucken einfach gut. (Und man weiß, wie das ist, wenn man es gesehen hat, da unten in Syrien.)

Schon bald steigen sie aus, bedanken sich auch für die syrische Musik, die ich angemacht habe, als Michaela wieder einfällt, dass wir bei der Fahrt arabische Musik hören wollten und zeigen uns noch den Weg nach Yabrond.

Hinter Yabrond sehen wir Steinbrüche, in denen noch gearbeitet wird, sehen Raketen auf den Libanon gerichtet. Fahren an kilometerlangen Berghöhen entlang, schroff abfallend, als lange Linie bis zum Horizont, wo kaum ein Tourist jemals war, wir aber, kaum nach dem Weg fragend, schon herzlich zum Tee eingeladen werden.

Wir aber, wir müssen weiter, überqueren die Bergspitze und schauen kilometerweit ins Tal, hier und da Grün, auf den nächsten kahlen Bergzug am anderen Ende der Welt. Von hier nehmen wir einen Stein mit und zwei Portionen Sand (hatte jemand bestellt, wir wissen nur nicht mehr, wer). In engen Kurven steil den Berg hinunter, wir überqueren die Autobahn und fahren weiter in die nächste Bergkette hinein. Dann finden wir endlich Annasirie, über das wir den Weg nach Süden wieder finden wollten.

Auch hier die Betonkultur, man weiß nicht, ist das Haus noch im Bau, oder ist es schon eine Ruine - spielende Kinder, schauende Menschen. Per Kompass finden wir die richtige Straße hinaus.

Und die ganze Zeit scheint die Sonne, keine Wolken, aber starker Wind auf der Ebene zwischen den Bergen, so stark, dass die gelegentlichen Radfahrer ohne zu treten sehr gut vorankommen

Als wir genug hatten, kehrten wir zur Autobahn zurück, fahren zurück nach Damaskus. Was heißt Autobahn? Zwei parallele Straßen, durch einen tiefen Graben getrennt, das ist sie, die Autobahn

Abends gingen wir essen. Ins Al Kamal. Wie auf dem Berliner Kudamm sitzen wir hinter großen Scheiben an der Straße. Neben uns schlendern die Passanten vorbei, schauen rein, in die hellen Räume und sehen uns wie auf dem Teller. Und wir schauen nach draußen, essen und erleben Leben auf dem Bürgersteig.

Es ist nicht billig, aber doch auch peinlich, wenn wirklich Arme vorbeikommen - irgendwie fühlt man sich als Geldtourist - ein Gefühl, dass wir in diesem Land wirklich selten haben. Denn auch Syrer haben Geld. Etwa wenn ein äußerst wohlgenährtes Trio recht junger Männer aus dem Mercedes steigt, sich in das Lokal setzt und seine großen Bäuche pflegt.

Aber obszön erscheint es einem, wenn die neuen Daimler auftauchen, die schon bei uns unter 100.000 nicht zu haben sind. Und obwohl die Frauen als Frauen gern unterdrückt werden, müssen sie sich nicht unterdrücken lassen. Die Mischung ist auch europäisch klassisch: Wenn ein junges Paar sich setzt, dann auf Initiative des gut verpackten Mädchens mit Kopftuch, aber feinem Gesicht (was im gewissen Sinne normal-liberal dort ist), sie dann ihren Verehrer veranlasst, den Tisch mit einem anderen, besseren zu wechseln, um dann nach der Bestellung des Essens das Parterre-Restaurant ganz zu verlassen, um oben das gemeinsame Glück zu suchen. In diesen kleinen Dingen gibt der Mann wohl nach - wie wird es bei den großen sein.

Viele Geschäftsleute der mittlerer Ränge sitzen hier, auch viele Europäer, keine Touristen.

Und die große Gruppe von Frauen, Männern und Kindern, die weiter im Inneren saß, die Kinder sehr brav, die Männer patriarchalisch und die jungen Frauen mit pausbäckigen Gesichtern unter den Kopftüchern sehr neugierig

Und so verwundert es nicht, dass auch ein Life-Musiker an seinem Keyboard dazu außerordentlich langweilige, aber arabische Weisen spielt, die er von seinem kleinen automatischen Orchester begleiten lässt. Erst als er dann noch zu singen beginnt, rüsten wir uns für den Aufbruch, nicht ohne uns über den Mann hinter uns erregt zu haben, der in 10-Sekunden-Abständen sich lauthals räuspert, als gelte es einer in seinem Rachen umherschwirrenden Fliege die Ruhe nicht zu gönnen. Erst als seine ganze Familie nachkommt, unter ihr ein 12-jähriger Junge, ein nahezu Albino-weißer mit schlohblondem Haar und hellen Augen und starker Brille, der sich der besondern Liebe und Aufmerksamkeit aller Familienmitglieder erfreuen durfte. Das Räuspern ließ nach.

Wir überqueren die Hauptstraße immer unter Gefahr, nicht gesehen zu werden, also darum sehen zu müssen, verschwinden in einer Seitenstraße und fühlen uns im der Wiege der großen Häuser nicht fremder als im großbürgerlichen Berlin, nur wärmer.

Das war der Dienstag, und wir hatten uns schon nach zwei Tagen wie nach einer Woche gefühlt. Inzwischen war die Heimat so weit weg, dass wir kaum etwas von ihr wissen wollten. Vergangenheit.

Irgendwie hat Kultur auch etwas mit Kult und Ur zu tun.

Mitten in der Nacht wachen wir auf, es ist kurz vor zwölf, jemand klopft an die Tür. Ich frage, was los ist und bekomme keine Antwort. Wieder Klopfen, wieder nichts, und beim dritten Klopfen gehe ich an die Tür - nichts. Das Telefon klingelt - keiner dran. Etwas beunruhigt, in diesem isolierten Außenzimmer, machen wir die Tür noch etwas fester zu und rollen uns wieder zusammen.

Der Mittwoch. Am nächsten Morgen lassen wir beim Frühstück diesen salzigen Ziegenkäse weg - man wird ja klüger - und machen uns auf der Karte noch klüger. Wir wollen nach Süden.

Jürgen holt schon den Wagen vom Parkplatz, und ich will nur noch den Schlüssel abgeben, als mir der Manager erzählt, daß ein anderes Zimmer frei geworden sei. Nach den etwas unheimlichen Erlebnissen in der ausgebauten Garage, bin ich stark interessiert. Also schnell hoch und gucken - der reine Luxus: Bad, ein küchenähnlicher Vorraum und ein schönes Zimmer mit großen Fenstern. Alles klar. Nun noch kurz das andere Zimmer klar machen, so daß nur noch die Taschen ins neue Zimmer gebracht werden müssen. Ging vielleicht alles ein bißchen sehr schnell, aber Jürgen wartet draußen und hat keine Ahnung, was ich da die ganze Zeit treibe.

Immer noch hatten wir unseren Leihwagen. Und wir wollten wissen wo wir waren. Fuhren nach Süden. Denn im Süden Syriens versorgt ein grüner Gürtel das Land mit Obst und Gemüse. Nur, fährst Du nach Süden mußt Du durch ein besonderes Stück Damaskus. Vor allem an niedrigen, lehmgebauten Häusern vorbei, je ärmer desto niedriger. Und hier findest Du eine unglaubliche Anzahl von Handwerksbetrieben, die jeder für sich in eine unserer Garagen passen würde. Dicht an dicht und noch enger zusammengerückt bieten sie zum Beispiel die Ware Reifenreparaturen an. Sie selber stapeln mehr oder weniger eine Unmenge abgefahrener Reifen im Hintergrund, vorne reparieren sie und jeder hat drei, vier, fünf Leute Besatzung, die trotz brechender Armut möglichst fröhlich arbeiten, Tee trinken und ihr Geschäft betreiben. Zehn, zwanzig solcher Betriebe nebeneinander, dann kommen die Motorreparateure, die Schweißer, eng zusammen, aber zusammen. Hier einen Photoapparat zu ziehen um das unglaubliche Bild festzuhalten, wäre eine Beleidigung für die, die so leben.

Wir fahren vorbei, mit offenen Augen und kommen in das fürchterlichste Verkehrschaos. Ein Kreisverkehr stoppt im Umkreis von Kilometern jegliches Vorankommen. Zusammengepresst zwischen riesigen Bussen, gelben Taxis, kostbaren Daimlern und knatternden Zweirädern hocken wir und warten auf den nächsten Zentimeter, den es vorangeht. Einige Busfahrgäste steigen lieber mitten auf der Kreuzung aus - es geht jetzt schneller zu Fuß. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Wer auch nur einen Zentimeter näher an dem Punkt jedes Vorankommens ist, hat Vorfahrt. Der andere wartet, hupt, resigniert, hupt, fährt und weiß, am Ende seines Leben wird er auch dieses Chaos überwunden haben. Und wenn alle so denken, dann gibt es sogar in einem Kreisverkehr ein Lächeln, eine gemeinsame Handbewegung, Verständnis und eine Art Friede, wie er dem europäischen Straßenverkehr nie gegeben worden ist.

Und irgendwann ist es soweit. Wir können die abgasgeschwängerte Luft - so also riecht Kohlendioxyd - hinter uns lassen und uns auf breiter, löcheriger Ausfallstraße gen Süden schlagen, auf der Suche nach der Autobahn. Wir finden sie spät in einer weiteren Vorstadt und machen an der nächsten Mini Raststätte eine kleine Pause. Dort werden wir, die Exoten, die Ausländer, von denen erwartet, die wir Exoten, Ausländer nennen. Hier sind sie in der Überzahl, wir sind ihnen ausgeliefert, und Du hast keine anderer Chance, als Verbindung mit ihnen aufzunehmen, sie anzusehen, mit ihnen zu sprechen, ihr Angebot abzuwägen und ihnen auf die Schulter zu klopfen, auch mal übers Haar zu streichen, sie als Menschen zu sehen, damit sie Dich als Menschen sehen können. Schon der Kauf einer Flasche Wasser oder einer köstlichen Apfelsine wird zu einem Erlebnis, das man nicht vergessen sollte.

So nimmt Jürgen die Wasserflaschen und die Apfelsinen und lässt sich mit einigem Palaver einen Preis sagen. Er ruft ihn zu mir rüber - inzwischen bin ich der Währungsfachmann - ich sage ok. (auch in Syrien ist es an Tankstellen teurer als im Laden).

"Sie sagt, es ist ok.," sagt er zu den Jungs, und sie lachen und klopfen ihm auf die Schulter. So ein bisschen menschliche Nähe hätte ich auch manchmal gern gehabt,

Hinter uns lassen wir die Umgebung von Damaskus, die hohen Berge, deren Gipfel im Schnee glänzen, deren Formen eine Weichheit und Ruhe ausstrahlen, die viel mit den Menschen zu haben, die zu ihren Füßen leben

Dann wird es immer heißer auf der Autobahn. Wir fahren nach Süden. Und bis zum Horizont erstreckt sich die Weite und das ungewohnte Grüne. Über hundert Kilometer geht es so, wir gewöhnen uns daran, daß die Autobahn von allen benutzt wird: Trecker, Radfahrer, Fußgänger fahren hier und wenn es sein muss, dann auch in entgegengesetzter Richtung. Rast machen wir unter einer Autobahnbrücke, die uns den Schatten spendet, den wir brauchen. Und dann runter von der Autobahn, in Richtung Basra, staubige ungepflegte Straßen entlang, niedrige Häuser und mit großartigen gelben Steinen erbaute mehrstöckige Villen. Es fehlen jegliche Bäume, die Hitze ist groß, kleine Gruppen stehen am Straßenrand, meist Kinder, Jugendliche, Jungens. Dann wird die Straße zur Landstraße, es ist alles so weit, die Berge schon lange vergangen, an einer Abzweigung zum nächsten Dorf sitzt ein alter Mann im Burnus, ruhig wartend auf den nächsten Bus, das nächste Auto, das ihn zum Dorf in der nächsten Senke, wohl fünf Kilometer weit, bringen soll.

Und wenn Du jetzt grüßend und schauend die Hand hebst im Vorbeifahren, hebt er auch die Hand und schaut genau, wie Du schaust. Das heißt freundlich. Was für ein schönes Echo Deiner eigenen Gefühle.

Und dann Basra. Von in schwarzen Basalt gebauten Häusern sprach der Reiseführer, von einer Burg und ähnlichem - uns war es egal, wir wollten ja nur mal in den Süden des Landes hineinschauen. Und der alte Stadtkern, von einem riesigen Tor begrenzt, zeigt uns, was es heißt, hier schon mehrere Jahrtausende so zu stehen. Unbeeindruckt von der Gegenwart leben die Menschen unter der Botschaft vergangener Epochen, aber sie kennen es kaum anders, auch wenn in diesem Moment zwei riesige Busse fremdartige Wesen ausspucken, die mit Photoapparaten und Wissen bewaffnet sich den Weg zur Seele dieses Moments zu bahnen. Wir steigen alte Stufen hinauf, gehen durch Straßen, auf Steinen, die schon die Römer unter sich hatten und kommen an ein riesiges Gemäuer, das hoch über uns nur einige Schießscharten frei lässt. Alles basaltdunkel, die Steine Stück für Stück mit der Hand gehauen und dreißig vierzig Meter hoch aneinandergetürmt. Eine Art Burg, wir umrunden sie in ihrem Burggraben und werden nur von den schon lange zerbrochenen Scheinwerfern und einer Unmenge Müll gestört.

Ein Junge lässt da unten seine Schaf- und Ziegenherde weiden. Die Ziegen sind sehr zäh. Sehen witzig aus. Und oben auf der Brücke zur Burg ruhen die Reste des Touristenschwarms. Hinein in diese schwarze Burg, sind wir augenblicklich in einem feuchtkalten Gemäuer gefangen, dunkel, einsam, dahinten verschwindet eine Gestalt um die Ecke. Sollte der Geist der Finsternis über uns kommen, wir wären augenblicklich verloren. Wir tasten uns im schummrigen Licht vorwärts, schauen durch riesige Bögen in Nischen, wo die Soldaten gelagert haben. Die Einwohner, wenn sie sich in die oft umkämpfte Burg zurückziehen mussten, sehen in freien Höfen griechische, gebrochene Säulen und kommen auf einen hoch gelegenen Innenhof, in dem nun ein einsamer Wärter es sich auf den kahlen Stufen bequem gemacht hat. Und die ganze Zeit, wer weiß woher, hören wir vielfältiges Kinderlachen. Und als wir ihm durch weitere Gänge nachgehen, öffnet sich vor uns ein riesiges Halbrund, eine Arena, ein Amphitheater aus reinem Stein, gebaut für 30.000 Menschen, die tief unten auf der Bühne Theater sehen dürfen.

So steil steigen die Sitzreihen abwärts, dass Michaela Probleme mit Höhenangst bekommt. Aber nun werden die meterhohen Stufen von einer Schulklasse überklettert - dort, wo es besonders schwierig ist. Und dort im ersten Rang, von wo man die beste Sicht auf die wohl vierzig Meter breite Bühne hat, die von hohen Säulen eingerahmt ist, sind sogar Rückenlehnen in den Stein gehauen. Ganz unten wird die Bühne von hohen Gängen eingerahmt, in denen sich die Schauspieler auf ihren Auftritt vorbereitet haben und ohne gesehen zu werden, von einer Bühnenseite auf die andere wechseln konnten.

Um von diesem Theater wieder hinaus zu kommen, bedarf es schon einiger Suche, keine Tafeln oder Hinweise verunzieren die riesigen Gänge durch die Burg. Als wir es dann geschafft haben, sind Michaelas Füße blutig gelaufen und ich mache mich allein auf den Weg, unser Auto von der Stadtgrenze zu holen. Vorbei an dem deutschen Ehepaar, dessen Frau unablässig von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, von der Historie und Zukunft dieses Platzes zu erzählen weiß, vom Hingehen, Hinsehen, Machen, Tun, Denken. Nie verebbt dieser Redefluss.

Und dann ein Zeitsprung: Die lange gerade Straße, basaltgedeckt, ganz hinten vom Tor überkränzt, durchwandert ein alter Mann im Burnus das Tor, langsam wie mit dem stillstehenden Leben dieser Zeit verwachsen. Die Hitze dröhnt, und mit spannungsgeladenem Schritt gehe ich auf das Tor zu. Spielende Kindern auf der Straße winken mir zu, ich grüße zurück. Sie begleiten mich ein kurzes Stück.

Und dann kommz das Bild von Michelangelo auf mich zu, der Maria gemalt hat, im weiten roten Umhang, ihr Kind Jesu im Arm, neben ihr ihre Mutter, schwarz eingemummt in vielfältige Stoffe, in einer Harmonie und Schönheit, wie sie nur der Maler verewigen konnte. Ich bin versucht, den Photoapparat herauszuholen, sie, das Bild festzuhalten, ich wage es nicht, wir gehen aneinander vorbei, wir schauen uns an, ich kann es immer noch nicht glauben. Das ist das Bild, ganz gewiss, ich drehe mich um, und in diesem Moment schaut auch sie zurück, und erst als wir weit voneinander entfernt sind, fotografiere ich dieses Bild von hinten - vorbei.

Während Jürgen das Auto holt setze ich mich auf den Rand der Brüstung des Torwegs, rauche eine Zigarette. Einige Touristen sitzen hier auch, im Schatten der Burgmauer. Ein kleiner Junge bietet Getränke zum Verkauf an, kommt auch zu mir. Mit Minimal-Englisch verständigen wir uns, dass ich kein Geld in der Tasche habe - vielleicht tue ich ihm ein bisschen leid. Er macht seine Runde, und als er durch ist, setzt er sich neben mich. Er bewundert mein Feuerzeug: schwarz-blaues Gepardenmuster (das habe ich Lena vor kurzem abgenommen) und möchte es mir abkaufen. Ich will nicht, sonst habe ich kein Feuer mehr, und das kann er auch verstehen. So kommen wir zum Smalltalk. Wie ich heiße? Oh, also er heißt Mija. Das ist schon mal gut. Ob ich Kinder habe? Ja, drei! Und was, und wie? Drei Töchter, Sarah, Lena, Anna. Oh. Ich glaube, ich tue ihm wieder ein bisschen leid. Wir erzählen weiter, und dann bietet er mir ein Getränk an. Ich sage, "Nein, ich habe kein Geld", aber das weiß er schon, es ist ein Geschenk. Ich nehme es an und schlürfe ein Himbeergetränk mit Strohhalm aus einem dreieckigen Pappbehälter.

Nun kommt ein Jugendlicher auf einem Fahrrad vorbei, die beiden fangen ein Gespräch an.

Plötzlich taucht ein auffallend gut gekleideter Mann auf - gebügeltes hellblaues Hemd, gebügelte, dunkelblaue Hose und spricht die Jungs an. Beide bleiben freundlich, werden aber seltsam steif, und ich sehe erst jetzt die Pistolentasche am Hosenbund. Die Jungs verkrümeln sich.

Meine Zigarette ist noch nicht zu Ende und der Polizist noch nicht ganz um die Ecke, da ist Mija schon wieder da. Wir unterhalten uns weiter, und er fragt, ob er das Feuerzeug noch einmal ansehen dürfte. Was es denn kosten würde in Syrischen Pfund? Ich sage es ihm (so etwa ein oberklassiges Abendessen). Wo denn mein Mann sei? Und ob wir mit den Reisebussen gekommen seien? Er will mir das Feuerzeug wiedergeben, doch jetzt ist es Zeit für mich zu schenken. Er bietet mir noch ein paar touristische Führungen an, ich bitte ihn noch einmal um Feuer, und dann kommt Jürgen mit dem Wagen.

Zurück fahren wir recht schnell nach Damaskus. Unser Kofferraumdeckel öffnet sich seit einiger Zeit nach größeren Straßenschäden von selbst und lässt sich manchmal mit einem bisschen mechanischem Gefummel, manchmal aber auch nur noch mit einem Stück Schnur, schließen

Ich fahre auf der Autobahn zurück, kurz vor der Stadt übernimmt wieder Jürgen. Die Straßen haben sich geleert, und wir sind schneller in unserem Hotel, als wir gehofft haben. Zufrieden essen wir die Mahlzeit des Tages auf unserem neuen Zimmer, genug gesehen, genug gelebt, für heute.

Am nächsten Tag, schon ist Donnerstag, bin ich krank, erkältet, liege auf dem Bett, die Augen dick, das Hirn geschwollen, und beim Frühstück geht es mir so schlecht, dass Jürgen alleine Geldwechseln gehen soll.

Nachdem sie bis unter die Ohren mit Aspirin voll ist, genießt sie das Wunder der Chemie. Wir bringen den Wagen zurück - bis 14 Uhr -, versorgen uns mit Getränken und Nüssen. Wir lassen uns Kaffee - Nescafé mit heißer Milch - aufs Zimmer bringen, der reine Luxus. So ruhen wir uns aus, der Tag nur unterbrochen von gelegentlichen Ausflügen zur naheliegenden Hauptstraße. Wir genießen die einzige Kulturleistung dieser Stadt, die die Technik hervorgebracht hat: riesige Ventilatoren in den Zimmern sorgen für einen ständigen Wind der Kühle, lassen uns klar denken, lesen, faulenzen und aus dem Fenster sehen - über die chaotischen Dächer der nahen, allzu nahen Häuser. Essen wieder im Zimmer, und irgendwann endet dann auch dieser Tag mit den Rufen der Hunderten von Muezzin, die lautsprecherverstärkt ihren Ruf über die ganze Stadt hallen lassen, jeder auf seine Art, in seiner Tonlage, alle preisend und mahnend, ein großer, schwebender, auf- und abschwellender Ton über der großen Stadt. Du bist in Damaskus und liest ein Buch über irgendwas, aber Du bist in Damaskus.

Am nächsten Tag rafft sich Michaela auf: "Lass uns heute die Stadt ansehen." Die Altstadt wird von hohen Mauern eingerahmt und durch eine kleine Lücke, wo das Leben alles bereithält, was es in dieser Stadt für uns gibt: Menschen, Menschen, Geschmeide, Kleider, Schmuck und Töpfe, Schuhe und Brot, Instrumente und Lebensmittel, alles, alles, alles. Es ist der große Basar, überdacht, dunkel, Tausende von Menschen auf diesen wohl 1000 Meter langen dunklen, überdachten Straßen, Geschäft an Geschäft, Menschen sprechen Dich an, wollen Dir zeigen, widerstrebend lässt Du Dich in Läden hineinziehen, verhandelst, verneinst und gehst, der nächste wartet schon auf dich, sei nicht böse, wer böse ist, hat Schuld. Und der, den Du vertröstet hast, spricht dich beim Zurückkommen bestimmt wieder an.

Am Ende des Basars schauen wir in den Innenhof einer riesigen Moschee, kostbar und harmonisch geordnet, einige Menschen wandern herum. Du aber darfst nicht, denn Du bist Tourist, musst einen anderen Eingang wählen, gehst um das Gebäude herum an dessen Mauer alte Häuser kleben, mit staubbedeckten Scheiben hinter denen immer noch einer wohnt, kommst zum Eingang, der für Dich gedacht ist und sollst gezwungen werden, etwas Bestimmtes anzuziehen, dass Dich als Frau zu einem minderwertigen Wesen macht. Nein, nein, nein.

So gehen wir weiter, kommen in dunkle, enge Gassen, die kaum zwei Meter breit sind, der Himmel ist kaum zu sehen, die Sonne strahlt, nur wenige Strahlen finden den Boden, sehen hier Menschen leben, arbeiten, umhergehen, hupend bahnt sich ein Auto den Weg in dunklere Flure, die man kaum noch Straßen nennen kann. Immer tiefer kommen wir, leichtes Beklemmen, wer wird uns jetzt überfallen, aber eine freundlicher Blick von dem Alten am Straßenrand, ein freundlicher Gruß zurück, er hebt die Hand, Du hebst die Hand, als wenn ihr Euch kennen würdet, und ihr erkennt Euch, vielleicht habt ihr Euch vor Jahrhunderten schon an anderer Stelle begrüßt.

Weiter geht es, ein Rauschen wird immer stärker, die Sonne scheint auf einen Platz, auf der einen Seite schreckliche Industriegebäude, auf der andern Seite eine Mauer. Du schaust hinüber und entdeckst inmitten dieser Wüste aus Steinen, Häusern, Sand und Staub einen tiefen, wohl fünf Meter breiten Fluss, der sich mit ganzer Kraft zwischen den nahen Häuserwänden durch die Altstadt schießt. An seinem Ufer hängen die Häuser noch über ihn, sie scheinen einzustürzen in ihrer Schiefe, die Fenster hängen kaum noch in den Angeln. Ein Baum ragt aus dem Wasser, die feuchte Luft tut gut, an einer Terrasse schlängelt sich eine Ratte zwischen den Steinen, über allem liegt ein etwas modriger Geruch. Als wir genug haben, gehen wir hinein in das Dunkle und finden eine Straße hinaus in die Neustadt, die uns mit dem Gebrüll und dem unablässigen Gehupe der tausend mal tausend Autos empfängt.

Langsam gehen wir zurück zum Hotel, nehmen unterwegs noch was zum Trinken mit. Wir lassen uns Kaffee kommen und genießen den Luxus einer Dusche in dieser staubigen Stadt. Fenster und Vorhänge zu, Ventilator an - wir können gut verstehen, dass hier in der Mittagszeit nicht viel los ist. So passen wir uns an und halten Siesta.

Wieder lassen wir uns das Essen aufs Zimmer kommen. Wir haben genug gesehen. Einfach rumliegen und lesen. Und dann vielleicht auch noch einmal den Fernseher anmachen, um durch die beiden völlig irren Programme der Syrer zu zappen. Im Ersten finden wir nur noch lobende Hymnen über Assad, über die Industrie, über Assad, über das Gesundheitswesen, über Assad... man weiß, wo es hinführt. Und doch ist die Regierung stabil und in dem völlig unübersichtlichen Nahost-Konflikt spielt sie auf der arabischen Seite die Schlüsselrolle. Aber die Gedankenfetzen auf dem Ersten wirken kommunikationstaktisch allein durch Penetration - Lust ist nicht dabei. Unglaublich wie zigtausend Leute rhythmisch einwandfrei ihn beklatschen - die müssen! das geübt haben - und er dazu sich hinstellt und keine, wirklich keine Miene verzeiht, nein, noch weniger tut, als keine Miene zu verziehen, sondern es im Gegenteil mit der Brille von George Smiley (Asssad nennt mindestens 8 Geheimdienste sein eigen, die sich mit Sicherheit auch gegenseitig kontrollieren ) und dem Gesichtsausdruck eines Oberbuchhalters über sich ergehen lässt. Schade. Ja, es ist George Smiley in seinen dunkelsten Stunden.

Auf dem anderen Programm läuft derweil entweder eine amerikanische Serie a la Daktarie mit arabischen Untertiteln oder eine quälende einheimische Familiensaga, in der der Held wie Charlton Heston mit Schnauzer aussieht - bei der man sich unversehens dabei ertappen muss, wie man in Syrien fernsieht, wie eine Syrische Familie fernsieht. Um nicht völlig wahnsinnig zu werden, schaltet man ab. Und so sind wir froh, zu lesen dabei zu haben, was man schon immer lesen wollte, aber nie dazu kam - und jetzt nichts andres dabei hat. Fünf Bücher habe ich in dieser Zeit geschafft. Europäische.

Eigenartig. Wir waren eigentlich fertig mit der Stadt. Alles Dringende war erledigt, alles Weitere hätte vierzehn Tage gedauert. So blieb uns eigentlich nur Zeit, hinter uns aufzuräumen, also das zu tun, was noch nicht gründlich getan worden war.

Zum Beispiel auf den Händlermarkt zu gehen, wo alte Handwerkstechniken zelebriert wurden. Nun hat es sich als großer Innenhof mit angrenzenden Gang entpuppt, indem viel verkauft, aber weniger gezeigt wird. Aber doch hier und da malt einer in großen Schwüngen Ornamente auf Holz, oder es schnitzt einer. Nun gut, die Katzen, eine sehr interessante Mischung aus Normalos und Persern, waren eigentlich faszinierender. Denn um Mittags hierhin zu gehen bedarf einer besonderen Willenskraft, um gegen die immer stärker werdende Hitze sich behaupten zu können. In Wirklichkeit waren wir wohl auch nur ein wenig erschöpft und der brüllende, schreiende Motor am Rand der kleine Straße macht den Aufenthalt in dem Innhof nicht leichter. Aber was willst Du machen, wenn die Regierung zwei oder drei Stunden am Tag einfach den Strom abstellt, und alle, die davon abhängig sind, müssen sich mit einem kleinen oder großen oder in diesem Fall riesigen benzingetriebenen Generator selbst behelfen. Das Benzin für diese kostspielige Energieumwandlung beziehen die Syrer aus Iran, dem sie im Krieg geholfen hatten.

Wir kaufen einen emaillierten Armreif für Lena und ein Armband für Anna, setzen uns in den Innenhof zum Pause machen. Schöne Katzen laufen hier herum, sie sehen aus wie kleine etwas kurzhaarigere Perser - das ist auch nötig, weil diese Tiere bestimmt nicht von ihren Besitzern gebürstet werden, falls sie überhaupt welche haben. Und dann kommt der Chef des Ganzen, ein unglaublich hässlicher Kater, beide Ohren kaputt, schmutzigweiß und voller Narben. Alle anderen machen mehr oder weniger schnell Platz, als er auf eine Ecke im Hof zugeht, in der Futterschüsseln stehen. Während wir das Ganze noch beobachten, kommt eine Frau mit einer Tasche auf den Hof. Nun kann man sehen, wie viele Katzen hier wirklich wohnen - aus allen Ecken kommen sie an, um ihre Freundin zu begrüßen und sich über die mitgebrachten Essensreste herzumachen.

Ein Telegramm wollte ich noch aufgeben. Wie im Jahre 1930 fühlt man sich, wenn man das alte Telegrafenamt von Damaskus betritt. Viele geschlossene Schalter, an einem anderen drängen sich die Kunden und der Telegrammschalter ist von nur ein, zwei Menschen belegt. Der Schalterbeamte ist ein Schalterbeamter, so braucht er zur Erledigung auch einfacher Dinge mindestens doppelt soviel Zeit wie nötig. Auch hat er zu wenig Geld zum Wechseln, mit resignierender Gestik holt er den Kasten auf den Tresen, in dem sich Schlüssel, Kleingeld und etliche Briefmarken befinden. Ich kann ihm helfen, und bin darum, als ich selber drankomme, seiner besonderen Aufmerksamkeit gewiss. Mein Telegramm zum Beispiel kann er nicht so gut lesen, also schreibt er es noch einmal selber ab, ich muss ihm Buchstabe für Buchstabe erklären, diktieren - es dauert, aber es macht nichts, im Gegenteil, wir kommen uns recht nah in dieser langen Zeit. Nur als es um die Formalitäten geht, da fehlt mir der Pass, der dieses kleine Geschäft gesetzlich beschließen muss. Und so verabschiedet er mich und vertröstet mich auf den nächsten Tag, an dem er mich mit besonderen Herzlichkeit als "My Friend" begrüßt.

An diesem nächsten Tag, ich glaube es war der Samstag, wollen wir uns den Basar noch ein zweites mal ansehen, noch etwas tiefer in die Altstadt. So gehe ich mit Jürgen das Telegramm nach Hause schicken, ein Lebenszeichen für den Rest der Welt. Ich habe mich langsam daran gewöhnt, von allen angesehen zu werden, ohne mich dadurch unwohl zu fühlen und denke, dass es für einen Afrikaner bei uns zu Hause bestimmt nicht anders ist.

Immer vertrauter wird die Stadt, das Fremdartige könnte schon mit der entsprechenden Haltung verdrängt werden, ich aber zwinge mich immer noch, alles was ich sehe, zum ersten Male zu sehen, immer wieder. Darum gehen wir auch in den Bahnhof, einen klassizistischen Prachtbau, dessen Innenwände mit den kostbarsten Holzarbeiten geschmückt sind. Nur dass an seinem Eingang ein Posten mit geladenem Gewehr vor sich hindämmert. Die schöne Bahnhofshalle völlig leer, da liegt noch jemand auf der Bank, das ist schon alles, und draußen bei den Gleisen, dort, wo eigentlich der internationale Reiseverkehr toben sollte, herrscht eine so gespenstische Stille, dass man versucht ist, an sich verzweifeln, statt an den fünf uralten Güterzügen, die seit Ewigkeiten dort stehen und nicht verrückt werden. An dem einzigen Gleis das frei ist und doch wohl befahren wird. Ein Rätsel, was wir nie lösen konnten, aber um so schöner fanden, so schön wie diesen alten schönen Bahnhof.

Die Hitze ist trocken und staubig, kein Schweißtropfen bleibt an Dir hängen, der Durst allgegenwärtig. Überall in der Stadt findet man Wasserbrunnen, an denen die Kinder und Erwachsenen hängen, um ihren Durst zu stillen. Ich tue es, Michaela nicht (weil es hier keine öffentlichen Klos gibt), und andere Leute würden es auch nie tun, ohne sich vorher eine Spritze gegen irgendetwas geben zu lassen.

Man kann auch an jeder Straßenecke zu jeder Tag- und Nachtzeit Wasser mit und ohne Geschmack kaufen. Gut. Aber das Allerbeste, was mir in diesen Zeiten über den Gaumen gelaufen ist, ist frisch gepresster Orangensaft, der die durstige Kehle herunterrinnt, gleichzeitig sauer und süß mit prächtigen Fruchtfleischresten, ein halber Liter, den Du schlürft und genießt, als ob es reines Gold wär - und es ist viel mehr.

Also noch einmal in die Altstadt, diesmal auch zum Fotografieren. Das Taxi lädt uns vor dem Souk ab, wir müssen noch einmal durch die enge, dunkle Straße, in der die vielen Jungens stören, die einen zum Kaufen, Anschauen einladen. Aber inzwischen sind auch wir etwas abgebrühter, eine Eigenschaft die durchaus wahrgenommen wird, entsprechend weniger werden wir belästigt. So haben wir mehr Freiheit zu schauen ohne zur Rechnung gebeten zu werden. Bei einem Bäcker zum Beispiel, der Fladenbrot verkauft. Hinten am offenen Feuer sehen wir Jungens hart arbeiten, vorne verkauft der Chef. Wir schauen nach hinten und werden sogleich freundlich hineingewunken, ja, ja kommt schon, kommt schon. Zögernd setzen wir die Füße über die Schwelle und sind mittendrin in einer Arbeit, die kein Europäer mehr ertragen würde Aber sie freuen sich über die Abwechslung und ganz genau erklären sie uns die Arbeitsabläufe; der Teig mit einer großen Maschine geknetet, eine andere zerschneidet den schweren Teig in handliche Klopse, so wird dann Klops für Klops in eine Maschine geworfen, die daraus breite Fladen macht, die dann, getrennt von Tüchern übereinander gestapelt dem Mann am Ofen rübergereicht werden, der sie dann mit einer langen Holzschaufel in das Feuer schiebt. Und liegen die flachen Fladen im Ofen, beginnen sie zu wachsen, zu leben, sich aufzublasen, wie große Kissen sehen sie aus und werden so zum Verkauf angeboten. Wir bekommen auch eines geschenkt und eine ganze Zeit albern und lachen die vier Jungens über sich, über uns und überhaupt. Auch der Meister fordert immer wieder zum Hinschauen auf, damit wir nicht vergessen: die Helden der Arbeit, die sind hier.

Wir verabschieden uns mit vielen Grüßen und großem Hallo, fotografieren im Halbdunkel - den Film möchte ich sehen, der das begreift.

So wandern wir weiter tief in die Altstadt hinein, merken uns den Stand der Sonne, dass wir je wieder herausfinden und kaufen für Michaela ein Halsband aus Perlen, dass ihr mit großer Sorgfalt und Höflichkeit direkt angemessen wird. Die Sonne sticht herab, der Helfer des Budenjuweliers greift zur Wasserflasche, ein Fremder kommt vorbei mit seinem kleinen Bruder, bittet um einen Schluck Wasser, und ohne fragenden Blick bekommt er es gereicht. Die beiden trinken, sagen leise Danke und trollen sich. Was für eine Selbstverständlichkeit.

In der Nähe der Moschee kommt uns ein älterer Mann mit zwei Frauen entgegen. Er lächelt uns an, sagt etwas zu Jürgen und klopft mir im Vorübergehen auf die Schulter und wir sehen uns gegenseitig lachen nach. So ist man als Fremder für jede Freundlichkeit dankbar.

Nach einem solchen Spaziergang bist Du froh auf dem Rückweg bei einem Teehändler vorbeizukommen, der, mit seinem Samowarähnlichen Gebilde auf einem kleinem Tisch, mitten am Rand der Straße steht und schweren, süßen Tee anbietet. Kaum sieht er Michaela, vertreibt einen Gast von seinem einzigenHocker und holt einen anderen Sitzplatz hervor. Wir dürfen sitzen, sind seine Ehrengäste und können in aller Ruhe, während wir den süßen, süßen Tee in uns hineinschlürfen, seine anderen Gäste betrachten. Er steht auf seinem einem, seinem letzten Bein und ist immer freundlich, sogar wenn er die drei, vier Jungs wegjagt, die auf eine milde Gabe oder ein gutes Geschäft mit uns hoffen. Das sind die Augenblicke, wo wir uns zu Hause in Damaskus fühlen, menschlich.

Abends werden wir von dumpfen Granatenschlägen oder einem Feuerwerk irritiert. Oben im Restaurant führt einen Leiter aufs Dach. Als niemand hinsieht, klettern wir hoch oben auf das Dach des Hotels. Und dort trifft uns ein Bild von unglaublicher Schönheit. Hier neben dem Schornstein, der böse und heiß qualmt blicken wir auf ein Lichtermeer, mehr, mehr, die Berge um uns herum sind völlig bedeckt von den Lampen der Straßen, der Wohnzimmer, tausende, hunderttausende, dicht an dicht, hoch den Berg hinauf. Das ganze wird heute abends von einem Feuerwerk gekrönt, das auf der Spitze des Berges abgebrannt wird. Licht, Licht, Licht im Dunkel. Nur der Schornsteinrauch, der uns heiß und giftig umweht, verhindert, dass wir lange oben bleibe. Und so schwöre ich mir, am letzten Abend von diesem Berg auf Damaskus hinunterzuschauen. Als wir wieder runter klettern, werden wir von den Kellnern erwischt, die sich feixend über uns Ausländer amüsieren.

So lassen wir satt und zufrieden den Tag in unserem schönen ruhigen Zimmer inklusive Service zu Ende gehen.

Unser letzter Tag in Damaskus. Wir wollen noch einmal die Umgebung des Handwerkerviertels ansehen. Außerdem ist so einiges zu regeln - unser Flug zurück geht um sieben Uhr morgens, so dass wir die Hotelrechnung schon heute bezahlen müssen. Das heißt, ein letztes mal Geld wechseln und zwar möglichst so, dass nicht viel übrig bleibt

Beim Frühstück weiß der Kellner inzwischen schon, was wir wollen, und wir verabschieden uns mit einem angemessenen Trinkgeld - hoffe ich jedenfalls. Wir machen uns auf in die Stadt, nachdem wir uns an der Rezeption nach der Rechnung erkundigt haben. Inzwischen kennen wir uns aus in Damaskus, wissen, dass wir weder verhungern noch verloren gehen werden, und umgebracht wird man in Berlin bestimmt schneller.

Wir erledigen, was zu erledigen ist, und nach einem ruhigen Nachmittag zahlen wir die Hotelrechnung, hinterlassen für den beinahe unsichtbaren Mann, der unser Zimmer immer spurlos aufgeräumt hat ein Trinkgeld und bitten, uns morgens um halb fünf zu wecken. Wir verabschieden uns von unserem Freund an der Rezeption, der uns komische Typen so gut ausgehalten hat, und er freut sich noch mal für uns und auch für sich, dass wir unsere Travellerschecks nicht in dem alten Zimmer verloren haben

Einmal wollen wir noch essen gehen, wir suchen nach einem ganz bestimmten Lokal, in dem man auch Bier bekommen soll, mein Traum - und Jürgens Traum soll auch noch erfüllt werden. So machen wir uns auf die Suche und finden schließlich auch das Gebäude, aber es ist ziemlich düster, und das, was wohl mal ein Restaurant war ist eindeutig dunkel. wir gehen um das Haus herum und erleben noch die vollkommene Überraschung eines Schmuckhändlers, der uns - nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben haben, mit deutschen, bayrischen Worten, Sätzen und Überzeugungen überfällt, uns hereinbittet in seinen kleinen Laden, und so begeistert von uns ist, dass wir seinen Beteuerungen glauben, dass er eigentlich alles verschenke. Erst viel, viel später wagten wir diese Freude auch nachzurechnen - er war kein Deut billiger als alle anderen, nur überzeugender. Aber ein Spaß war es doch.

Nur eine, eine Begebenheit trübt unser schönes Leben dort. Denn Michaela ist eine Liebhaberin des Bieres, von dem es in Damaskus nur wenig gibt. Aber in dem Cham Hotel, einer Empfehlung unseres Schmuckhändlers, einem riesigen Komplex in der Stadtmitte. Im ersten Stock, sollten es wir uns bei einem Salat gut gehen lassen - mit Bier. Dort residieren all die Menschen, die es sich leisten müssen Abstand zu den Gemeinheiten des Lebens zu halten, ich habe sie nie auf der Straße gesehen, obwohl es doch viele sind. Nun gut, lassen wir sie in ihrer Enklave, denn als wir zahlen wollen berechnet man uns nach einem Salat, das volle Menu. Es bedurfte schon einigen Ärgers und Anstrengung diese Forderungen herunterzuschrauben (ganz davon abgesehen, dass unser sorgfältig kalkuliertes syrisches Geld dafür gar nicht mehr gereicht hätte), aber wir waren uns einig, das ist nicht Damaskus. Das ist eine andere Welt

Auf dem Rückweg zum Hotel treffen wir einen Taxifahrer, den wir schon kennen, und versuchen mit ihm einen Preis für die Fahrt auf Jürgens Berg auszuhandeln. Gar nicht so einfach, die Kollegen versuchen den Preis hochzutreiben, bis er mit uns an die Seite geht und wir uns einigen können.

Damaskus ist die Stadt, die wir von der Höhe des Berges sahen, an unserem letzten Abend. In einer langen Taxifahrt auf die Spitze in abenteuerlichen Serpentinen gelangen wir auf den Weg, der von vielen Besuchern genossen wird, denn Hunderte von Metern über der Stadt schauen wir auf das Lichtermeer nun unter uns. Bis zum Horizont ein Meer von Lichtern, etwas Musik aus dem Auto und überall stehen Menschen und schauen auf die Stadt, die nun wieder unbegreiflich und unbegreiflich schön zu unseren Füßen liegt.

Halb fünf Uhr morgens in Damaskus. Die letzten Sachen einpacken. Duschen. Ist alles da?

Wir haben uns mit dem Taxifahrer von gestern verabredet, dass er uns abholen soll, und wir drei treffen uns müde, aber pünktlich an der Tür. Die Nachtschicht des Hotelpersonals liegt schlafend auf den Bänken in der Hotelhalle - wir können sie sehr gut verstehen.

Müde und nicht sehr gesprächig fahren wir durch die erwachende Stadt. Die ersten Händler sind mit ihren Karren auf dem Weg zu ihren Plätzen, Katzen durchstöbern die Müllsäcke, es wird langsam hell. Dann noch eine halbe Stunde Autobahn und wir sind beim Flughafen. Hier stehen die Leute schon Schlange vor der Tür und warten darauf eingelassen zu werden. Als wir aussteigen stehen schon drei Kofferträger da, um unser Gepäck auszuladen, und bevor wir uns wehren können, schnappt sich einer Jürgens und einer meine Tasche, stellt sie auf einen Wagen und stellt das Ganze vor die Tür. Der Fehler war nur leider, dass ich kein Geld mehr hatte, um sie zu bezahlen, denn ich hatte den ganzen Rest dem Taxifahrer als Trinkgeld gegeben. Viel Trara, enttäuschte Gesichter und etwas Peinlichkeit bei uns - an so etwas hatte ich leider nicht mehr gedacht.

Unser Taxifahrer blieb noch bei uns, als wir dann in die Halle eingelassen wurden - warum, war mir nicht so recht klar, aber ich sollte noch dankbar dafür sein. Wir durchliefen die Ausreiseformalitäten, mindestens drei Mann sahen sich unsere Pässe an, und standen plötzlich vor einem Schalter, wo von uns eine Gebührenmarke verlangt wurde. Hilfe. Als ich gerade Jürgen ziemlich irren Blickes ansehe, steht neben uns wieder der Taxifahrer, macht eine beruhigende Geste und geht weg. Nach zwei, drei Minuten kommt er wieder - mit Gebührenmarke. Seid freundlich zu Ausländern!

Nach einer Weile warten in der Halle werden wir in den Warteraum geschleust, versuchen uns erst mal wieder zu entspannen, bisschen hungrig und durstig - aber nicht langweilig. Der eine Typ fummelt sich die ganze Zeit ziemlich neurotisch an der Kleidung rum, zupft Flusen ab, streicht die Hose glatt, zieht das Jacket zurecht, streicht sich durch die Haare. Eine vierer Gruppe aus zwei Pärchen hat sich offensichtlich auf dieser Reise für immer zerstritten ("Merkst Du denn nicht, dass Du von ihm nur ausgenutzt wirst, Du kommst ja gar nicht mehr zu Deinen eigenen Sachen."). Eine Gruppe von Syriern mit total herausgeputzter Mama und einem europäischen Kind. Ein Japanischer Vertreter.....

Irgendwann wird Kaffee aufgefahren. Wunderbare Idee. Gerade als wir anfangen, uns wohl zu fühlen stellt sich dann allerdings heraus, dass dieser Service auf eine Tasse pro Person rationiert ist. Lufthansa-Service.

So fliegen wir zurück nach Frankfurt, erinnern uns ein wenig wehmütig daran, wie wir hier schon auf dem Hinflug saßen.

   In Bremen regnet es und es ist kalt, wie schon beim    Abflug. Wir holen unser Auto und fahren nach Hause - die Landschaft ist unbeschreiblich grün.

 

 

Wir sind wieder da.

 

 

 

.______________________